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Dieser Text erschien in
Clemens Krauss - Kontinuitäten
Verlag Walther König, 2008

 

Chus Martínez ist seit 2006 Direktorin des
Frankfurter Kunstvereins.



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Chus Martínez im Gespräch mit
Clemens Krauss
Februar 2008

Chus Martínez: Mediale Übertragungszeit wird oftmals mit Echtzeit gleichgesetzt. Wie würdest du „Echtzeit“ definieren? Bezogen auf deine Arbeitsweise: Welche Rolle spielt es, hier zu unterscheiden?

Clemens Krauss: Durch die verschiedensten Medien werden Bilder, beispielsweise von Kriegsschauplätzen, Strafgefangenen oder selbst politisch konnotierte Karikaturen, innerhalb weniger Minuten über die gesamte Erde verbreitet. Die tatsächlichen Ereignisse, deren Wahrnehmung und die Reaktion der Betrachter laufen fast zeitgleich ab. Ich denke, diese vermeintliche Echtzeit hat sehr viel mit dem subjektiven Gefühl unmittelbarer Handlung zu tun. Das macht Bilder so mächtig.
Andererseits kann diese ständige Präsenz solcher Belege zunehmendes Desinteresse und Indolenz hervorrufen. Es bleibt ein Paradoxon.
In meiner Arbeit spielt demnach weniger der Unterschied in der Definition dieser beiden Begriffe als vielmehr der verbleibende Abstand zwischen ihnen die entscheidende Rolle. Die Distanz zwischen einer Handlung und ihrer Wahrnehmung ist offensichtlich kleiner geworden.

CM: Der Gebrauch des Bildes – vor allem des Körperbildes – in deiner Arbeit verfolgt ein Muster. Die Installationen folgen  einem präzisen Entwurf, welcher erst schrittweise sichtbar wird – und wenn er sichtbar wird, dann stehen wir einer endlosen Welt aus eng miteinander verknüpften aber heterogenen Räumen gegenüber. Könntest du erklären wie du im Raum arbeitest und auch welche Rolle die menschliche Figur darin spielt?

CK: Die Frage nach dem Gebrauch des Raumes in meiner Arbeit ist immer mit der Frage nach dem entsprechenden Medium verbunden. Demnach kann das Konzept des Körperbildes in unterschiedlicher Form erscheinen, zum Beispiel als Malerei auf Leinwand, als Glasvitrineninstallation oder als ephemere Wandmalerei. Die unterschiedlichen Situationen bestimmen dabei die Rolle der menschlichen Figur – sowohl als dargestellter Körper als auch als wahrnehmender Besucher. Es ist ein Zusammenspiel zwischen den Protagonisten aller Seiten. Der Betrachter betritt einen Raum mit einer temporären Wandmalerei-Installation, empfindet die Farbe und die Körper und wird zum Akteur. Hier geht es wieder um Handlung, ihre Wahrnehmung und die individuelle Reaktion darauf. Natürlich ist der ursprüngliche Kontext, aus dem die Posen sich herleiten, verfremdet, aber durch das Neuzusammenordnen der Körperposen in völlig anderen Umfeldern können sich neue und heterogene Räume und Situationen entwickeln.

CM: Wenn du von neuen Räumen sprichst, meinst du dann neue soziale Räume? Wie würdest du die neuesten dieser neuen, in den Installationen definierten Situationen beschreiben?

CK: Zuallererst spreche ich vom tatsächlichen Ort der Ausstellung und dem räumlichen Kontext der Arbeit. Es macht einen großen Unterschied, ob eine Arbeit stationär oder beweglich ist hinsichtlich ihrer individuellen Beziehung zu einem gewissen Raum.
An zweiter Stelle spreche ich vom Raum, der durch die Arbeit selbst gebildet wird und welcher es dem Betrachter erlaubt, einzutauchen und ein Protagonist sowie Teil des Spiels zu werden. Der Raum wird zur Bühne.
An dritter Stelle würde ich mich auf das beziehen, was du als sozialen Raum bezeichnet hast. Es ist das Weiß der Wand oder der Leinwand, der offene Bereich in den Glasobjekten zwischen den Körpern. Ursprünglich isolierte individuelle Körper treten unmittelbar und unvermeidlich in eine Situation sozialer Interaktion. Es liegt nicht zuletzt in unserer menschlichen Natur vielfältige soziale Codes aufzuspüren, sobald Einzelne zusammenkommen und miteinander agieren. Demnach ist es die scheinbare Leere, welche tatsächlich den Raum für Interaktion bereitstellt. Alles was zwischen Menschen passiert, passiert in dieser Lücke zwischen Körpern.

CM: Das impliziert bereits eine Aufforderung an die Betrachter, nicht nur zu sehen, sondern tatsächlich die Situation in welcher er oder sie sich befindet, zu interpretieren. Welche Hilfsmittel stellst du ihnen dafür zur Verfügung? Hinsichtlich der Verweise: Welches sind die Quellen, denen du dich in deiner Vorgangsweise bedienst?

CK: Wahrscheinlich ist es nicht explizit notwendig, den Betrachter aufzufordern, gewisse Situationen zu interpretieren, da dies ohnehin unweigerlich und automatisch passiert. Das habe ich mit der menschlichen Natur gemeint – das bezog sich auch auf das menschliche Verhalten des Betrachters. In weiterer Folge würden unterschiedliche Individuen unterschiedliche Situationen aus meiner Arbeit herauslesen, abhängig vom jeweiligen räumlichen Kontext.
Zum Beispiel können aggressive oder defensive Posen, die in einem entsprechenden Raum neu zusammengesetzt worden sind, als sexuelle Situation interpretiert werden oder auch nicht.
Der Umstand, dass die Körperposen ursprünglich dem globalen Bilderpool von Zeitgeschichte und Politik entstammen, ist ab einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr wichtig.
Letzten Endes spielt der Körper eine universellere Rolle, und der gesamte Vorgang handelt mehr von unseren eigenen Erfahrungen, Beobachtungen und Wahrnehmungen.Das sagt vor allem viel darüber aus, wie wir mit Bildern umgehen und als Menschen miteinander agieren.

CM: Aber menschliches Verhalten sowie menschliche Subjektivität umfasst soziale Beziehungen. Natürlich verweist jede künstlerische Arbeit auf das Hier und Jetzt, beeinträchtigt aber ebenso unsere Fähigkeit, den Zusammenhang zu lesen, in dem das Spezielle stattfindet. Das Verhältnis von Universalismus – etwa der menschliche Körper wie du dich darauf beziehst - und dem Partikularismus - die Art und Weise wie jemand innerhalb des Ausstellungsraumes reagiert - kann so gesehen werden, überwindet aber gleichzeitig die Begriffe, die du verwendest. Denn herauszufinden, wie sich unsere Sichtweisen auf den komplizierten Begriff der Emanzipation unter den neuen Bedingungen verändert haben ist meiner Meinung nach ein entscheidender Punkt. Der Zusammenbruch universaler Gewissheiten - sogar des Körpers als solchem – radikal neue Wege, Identität zu definieren sowie die Zersplitterung des sozialen Körpers, provozieren eine große Zahl von Widersprüchen, die wir noch untersuchen müssen. Diese Widersprüche beeinträchtigen auch grundlegend unser Verständnis von Zukunft und was wir von ihr erwarten. Wie reagiert deine Arbeit auf diese Fragen? Soll der Körper hier als anthropogener Ort verstanden werden, an dem wir heute die Arbeit, die Durchführung, den uneingeschränkten Konflikt mit der natürlichen Ordnung ausfindig machen? Oder bezieht sich der Körper auf eine Illusion von Freiheit, eine Nische, ein existenzielles Territorium, welches zwar von allen als solches gesehen wird, aber an Konsistenz verliert?

CK: Zusammenbrüche von Ordnungen und Sicherheiten – wie auch jene des Körper – sind wichtige Aspekte meiner Arbeit. Fragmentierung, Unterbrechung und Nichtvollendung sind dabei brauchbare Methoden. Aber in Zeiten politischer Krisen, schwelender sozialer Konflikte und größerer kultureller Umbrüche stellt sich der Körper wiederum als eine Art Nische dar, gleichermaßen ein letztes Rückzugsgebiet. Ich persönlich halte diese Vorstellung für ziemlich romantisch. Dennoch steht dieser scheinbare Widerspruch von Zusammenbruch und Rückzugsort in Beziehung zu dem Widerspruch einer global zerfallenden Welt, welche aber gleichzeitig – wieder eine romantische Vorstellung – die Chance bietet, neue Wege von Koexistenz, Freiheit und Gerechtigkeit zu finden. Diese Antinomie spiegelt sich auch in meiner Arbeit wieder. Beispielsweise wenn sich dem Anschein nach vertraute Körperposen als ursprünglich feindliche oder gewaltsame herausstellen. Oder in der Fotoserie „Look-alikes“, in welcher scheinbar stabilen Identitäten ihre Pseudoklons nebengestellt werden. So gesehen dient das Konzept des Körpers sehr wohl auch als anthropogener Ort im Sinne eines Ortes, der uns allen wahrscheinlich am meisten vertraut ist.

CM: Welche grundlegenden Dinge in deiner Arbeit verändern sich deiner Meinung nach am schnellsten? Was beschäftigt dich momentan besonders?

CK: Momentan finden alle Veränderungen meiner Arbeit in der Auseinandersetzung zwischen Medium und Kontext statt. Das Grundelement eines universellen Körpers als Ausgangspunkt für Beobachtung und Kritik bleibt dabei jedoch stabil. Auch künftig werde ich versuchen, Veränderungen und Entwicklungen in meinem Umfeld und darüber hinaus zu erfassen, insbesondere unter den allzu bekannten Bedingungen der Globalisierung. Zum Beispiel erleben wir gerade eine Art von Rückkehr einer formalen Ästhetik im Sinne eines Bedürfnisses nach als auch eines Bedarfs an scheinbarer Schönheit und Harmonie. Wahrscheinlich hat auch das mit dem Zerfall von Ordnungen zu tun. Innerhalb der Kunst kann das allerdings schnell zum Problem werden, denn das Erfüllen von Erwartungen riskiert das Ende im Banalen. Deshalb denke ich, dass es entscheidend ist, Methoden zu formulieren, welche der Komplexität der Veränderungen gerecht werden. Wege der Subversion, Übertreibung, Ironisierung usw. Damit kann idealerweise ein Raum der Reflexion für die Anforderungen unserer Zeit bereitgestellt werden. Dafür ist es eben notwendig, noch präzisere (visuelle) Codes zu entwickeln, welche das eigene Denken und Handeln in Beziehung bringen – und umgekehrt.

CM: Welche theoretischen Bezüge sind für dich momentan hinsichtlich der oben erwähnten Punkte essentiell.

CK: Wir sprechen über subjektive Phänomene, welche irgendwo zwischen Wahrnehmung und Empfinden entstehen. Mit der Idee einer sinnlichen Wahrnehmung beginnen wir lange vor Kant und enden bei Rancière und der Vorstellung von Ästhetik als ein partizipatorischer Akt. Für mich wird es dann wirklich interessant, wenn auf Wahrnehmung beruhendes Wissen und Erfahrung in ein schlüssiges Verhältnis zur eigenen Gegenwart gebracht werden können. Das schließt bahnbrechende Errungenschaften in Naturwissenschaften ebenso ein wie historische und politische Prozesse der Gegenwart. An dieser Stelle würde ich noch gerne auf Chantal Mouffe verweisen und die Probleme post-politischer Konzepte wie etwa den Glauben an einen universellen rationalen Konsens, was offensichtlich im Widerspruch zur menschlichen Natur und Handlung steht. Vielleicht ist es ja notwendig geworden, gegen Ende der 2000er Jahre den Relativismus zu relativieren.

(c) the author and Clemens Krauss