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Dieser Text erschien im Katalog zur Ausstellung "AUSTRIAS"
in der Städtischen Galerie Nordhorn 2005
ISBN 3-922303-57-9
 

 

 



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Gespräch Katja Blomberg mit Clemens Krauss,
Haus am Waldsee, Berlin, am 12. Dezember 2005

 

 

B: Wenn man sich die Bilder Ihre Serie „Das Körperkörper-Problem“ ansieht, fällt einem zuerst die offene, rauhe Oberfläche auf. Man denkt an Schrunden und Wunden. Was hat Ihre Malerei mit Ihrem früheren Beruf als Arzt zu tun? 

K: Der Gebrauch der pastosen Ölfarbe hat natürlich seine Implikationen. Der teilweise zentimeterdicke Farbauftrag erzeugt keine homogene, intakte Körperoberfläche, sondern durch die aufgerissene Farbe und Struktur entsteht ein Eindruck der Versehrtheit. Das ist aber nur eine von vielen Beziehungen. Prinzipiell würde ich sagen, daß sowohl die Inhalte als auch der technische Gebrauch aller Medien einen Hinweis auf meinen naturwissenschaftlichen Hintergrund erlauben. 

B: Die Malereien sind tatsächlich sehr plastisch, so daß man den Eindruck hat, Sie seien eher Bildhauer als Maler. Die Figuren sind ganz in sich geschlossen, die Leinwände sind zum größten Teil weiß gelassen. Man sieht Körperfragmente, die in der Binnenzeichnung völlig aufgelöst sind. Hat dieses Weiße, dieses Aseptische, Freigestellte, damit zu tun, daß Sie aus dem Bereich des klinischen Umfeldes kommen?

K: Aseptisch ist in diesem Zusammenhang natürlich ein schönes Wort, inwiefern die Bilder jedoch direkt mit einem aseptisch klinischen Alltag zu tun haben, kann ich schwer beurteilen. Was ich aber mit Sicherheit sagen kann ist, daß der Arbeit die prinzipielle Überlegung zugrunde liegt, warum man Malerei überhaupt macht. Obwohl ich aus der Malerei komme, würde ich mich nicht als Maler im eigentlichen Sinne bezeichnen, der sich vor die Leinwand stellt und sie solange bemalt, bis sie „fertig“ ist. Meine Denk- und Vorgehensweise ist wohl eher multimedial. Damit meine ich nicht nur, daß ich mit anderen Medien arbeite, sondern daß ich mir für ein entsprechendes Vorhaben zunächst die probateste Methode aussuche. Immerhin hätte ich die Figuren der Malereiserie “Das Körperkörper-Problem“ auch als Fotografien arrangieren können, die Nutzung der pastosen Farbe als eigenständige Qualität hat mich jedoch für die Malerei entscheiden lassen. Die Farbe stellt hier nicht nur dar, sondern ist Material und erfüllt somit eine Funktion selbst.

B: In einem anderen Projekt haben Sie ja mit Fotografie gearbeitet. Nämlich in der Serie „Look-alikes“, die auf den ersten Blick an geklonte Menschen erinnert, obwohl Sie die Personen zufällig und in den unterschiedlichsten sozialen Zusammenhängen „gecastet“ haben.

K: Die abgebildeten Personen der Serie „Look-alikes“ sind miteinander nicht verwandt, leben in unterschiedlichen Städten und haben sich untereinander wahrscheinlich noch nie gesehen. Jeder von uns kennt die Situation, irgendwo plötzlich einen Menschen zu treffen, der einen spontan an jemanden, den man gut kennt, erinnert, der diesem eben sehr ähnlich sieht. Dennoch sind Übereinstimmungen dieser Art reiner Zufall. Auch der Vergleich persönlicher charakterlicher Merkmale mit äußeren Erscheinungen, der ja wissenschaftlich gesehen völlig absurd ist, zeigt nur durch Zufall die eine oder andere Übereinstimmung. Hier steht in erster Linie die Frage der Einmaligkeit des Menschen und die Stabilität des Individuums im genetischen Zeitalter zur Debatte.

B: In der Malerei wiederum geht es Ihnen ja gewissermassen auch um Ähnlichkeiten. Bestimmte Haltungen und Gesten etwa aus der Werbung oder den Medien werden von Ihnen modellhaft mit ihrem eigenen Körper nachgestellt und in die Malerei als bewegte Figuren übertragen. Diese wirken zwar einerseits innerlich bewegt, aber zugleich auch relativ kontrolliert, gleichsam relaxt und distanziert, wie es ja beispielsweise auch einem gegenwärtigen Schönheitsideal entspricht. Dabei wird das Gemeinsame zwischen den Individuen immer wieder herausgarbeitet.

K: Posen und Haltungen sind – so denke ich - auch etwas sehr Zeitgemäßes. Bestimmt sind sich die Menschen einer Generation oder einer Zeit diesbezüglich sehr ähnlich und wahrscheinlich hätten entsprechende Körper vor 100 Jahren anders posiert.

B: So fällt Ihnen sicherlich auch in Ihrem Projekt „Sprechstunde“ auf, daß - trotz der individuellen Unterschiede – die Menschen in Ihren Problemen ebenso Ähnlichkeiten aufweisen.

K: Die Grundmuster der Fragen und Probleme sind mitunter sehr ähnlich. Es gibt typische Befindlichkeiten typischer Charaktere. Das ist jetzt keinesfalls als Klischee zu verstehen, aber da das Projekt bislang im Kunstkontext stattgefunden hat, treffe ich immer wieder auf den typischen Protagonisten des Kunstpublikums: jüngeres bis mittleres Alter, gebildet, köperbewußt aber auch mit einem Hang zur Neurose.  

B:  Ausgehend von der Serie „Teil eines langsamen Selbstportraits“ und der aktuellen Malereiserie mit den freigestellten Körpern frage ich mich: ist das eher von außen gedacht oder von innen, sind es Ausschnitte, Querschnitte oder gar Schnitte?

K: Grundsätzlich sehe ich die Arbeiten seriell und prozesshaft. Sowohl die Texte in den Bildern als auch die Figuren sebst sind Fragmente, oder eben Ausschnitte, die keinen Anfang und kein Ende haben und demnach einiges offen lassen. Da es mir jedoch manchmal schwer fällt, hinsichtlich der Spaltung von Körper und Geist begrifflich das dualistische Prinzip von Außen und Innen auseinanderzuhalten, kann ich nicht genau sagen, von welcher Seite der Blick tatsächlich kommt. Aber Schnitt gefällt mir gut, da es mich an den lustvollen chirurgischen Einschnitt erinnert.

B: In der Arbeit „Großes Selbstporträt“ thematisieren Sie aber gerade die Haut als Barriere zwischen Innen und Außen. Es ist doch wohl offensichtlich die abgrenzende Membran, die sie interessiert. 

K: Die Haut steht hier eher für eine Barriere der Wahrnehmung. Wenn ich mich visuell etwas nähere, sei es Gesichtern oder Körpern, so endet das, was an meine Netzhaut dringt, zunächst an der Oberfläche, obwohl es stets das Ansinnen ist, in der Fotogarfie oder Malerei etwa, von außen weiter in die Tiefe einzudringen. Umgekehrt nehmen wir die Haut psychologisch von innen heraus als Grenze zur Umwelt wahr. Zudem finde ich es interessant, das Sujet des jahrhundertealten heroischen Künstlerselbstporträts selbst, und ein wenig auch dessen Scheitern, zu thematisieren.

B: Es geht ja offenbar immer wieder um Oberflächen und Ähnlichkeiten. Jetzt stellt sich mir als Betrachter die Frage, wo liegt denn hier die Wahrheit? Liegt sie unter der Oberfläche oder etwa in der Oberfläche?

K: In all den Arbeiten geht es mehr oder weniger um die Darstellung des Körpers. Damit meine ich nicht zwingend den menschlichen, biologischen Körper und schon gar nicht eine nachahmende Darstellung desselben. Vielmehr geht es um eine Erfahrung des Körpers. Dieser kann eben mit den unterschiedlichsten Methoden erfahrbar gemacht werden. Als haptische Malerei, als Ausdruck der Ähnlichkeit oder in Form eines intimen medizinischen Gesprächs. Und die so genannte Wahrheit erweist sich dabei als tückisches Phänomen, da sie oberflächlich als Täuschung, darunter als Enttäuschung auftreten kann.

B: Der Übergang von der Naturwissenschaft zur Kunst in Ihrer Biografie ist besonders interessant. Was hat Sie motiviert, Ihr Forschungsfeld zu verlagern?

K: Für mich ist es weniger eine Verlagerung als eine Erweiterung. Die spannendsten Entwicklungen und Erkenntnisse der Gegenwart passieren immer noch in den Naturwissenschaften, etwa in der Quantenmechanik oder in der Biotechnologie. Dennoch ist es für mich naheliegender, meine Überlegungen in der Bildenen Kunst zu machen, denn mich interessieren künstlerische Methoden wie beispielsweise Übertreibung, Ironisierung oder Kritik mehr als wissenschaftliche wie Vermessung oder Messbarmachung.

B: Sie haben Ihre Bilder gerade auf der Art Basel Miami Beach gezeigt, wo sie sich auch sehr gut verkauft haben. Wie gehen Sie mit der aktuellen boomenden Situation des Kunstmarktes – und da vor allem jener der Malerei - um?

K: Ich weise immer gerne darauf hin, daß ich schon gemalt habe, als Malerei noch völlig „out“ war und ebenso werde ich Malerei betreiben, sollte sie irgendwann vielleicht mal gerade nicht mehr „in“ sein. Dieses Genre ist viel zu ehrbar und hat zu viele medienimmanente Vorteile, als dass man es allein blossen Trendkriterien aussetzen könnte. Natürlich bin ich aber über das zunehmende Interesse von Sammlern und des Kunstmarktes nicht unglücklich, dennoch mache ich keine Arbeiten für ein bestimmtes Umfeld, sondern vielmehr möchte ich ein gewisses Umfeld mitgestalten, in dem meine eigenen Arbeiten wichtig werden. Mein letztes Projekt etwa war eine kurze Videoarbeit, die mich viel Zeit und Geld gekostet hat, und mich theoretisch davon abgehalten hat, andere, verkäuflichere Arbeiten zu produzieren. Aber wenn es mir schließlich ums Geld ginge, dann hätte ich in der Medizin bleiben müssen.

B: Sie sind erstaunlich kurz in diesem Feld tätig und Sie stehen verhältnismäßig noch am Beginn Ihrer Karriere. Wie wird es weitergehen?  

K: Glücklicherweise muss man als Künstler nicht allzu lange vorausplanen, politische und gesellschaftliche Themen begegnen einem täglich aufs neue. Gegenwärtig erleben wir etwa die Situation der großen Kunstmessen, in denen es immer mehr neben dem Verkauf auch um den Anspruch eines intellektuellen Diskurses geht. Damit werden diese einerseits für die Entwicklung und die Einflußnahme auf künsterlische Tendenzen immer wichtiger. Aber andererseits wird auf solchen Großveranstaltungen in erster Linie Verkäufliches im großen Stil umgesetzt. Dieses Phänomen finde ich ansich interessant und ich denke, daß dies auch in Zukunft verstärkt in meiner Arbeit reflektiert wird. Denn natürlich beschäftigt mich auch, wie problematisch Trends und damit folglich Gegentrends sein können. Wie vorsichtig muß man damit wirklich umgehen?

B: Ich glaube schon, daß man etwas vorsichtig sein muß, weil man immer wieder klären sollte, wie wir es jetzt auch in diesem Gespräch versucht haben, ob es um Inhalte geht oder um das Kunstwerk als Ware. Und im Moment schlägt das Pendel sehr stark dahingehend aus, daß das Bild wieder Ware ist. Auch sind wir erneut zum Geniekult zurückgekehrt und in eine Zeit, in der Stars wieder eine große Rolle spielen. Einerseits tut es der Aufmerksamkeit der zeitgenössischen Kunst in der Öffentlichkeit gut, auf der anderen Seite können wir davon ausgehen, daß viele auch Kunst nur als Dekoration kaufen oder um sich ein intellektuelles Image zu verpassen.    

K: Dennoch hat es Sammler und Förderer immer gegeben und wird es sie als integralen Pfeiler des Kunstgeschehens in Hinkunft geben müssen. Hat diese Entwicklung auch mit politischen Situationen oder gesellschaftlichen Umbrüchen zu tun?

B: Es gab ja immer wieder Zeiten in den verschiedensten Kulturen, in denen eine bestimmte gesellschaftliche Schicht plötzlich zu relativ viel Geld gekommen ist, etwa im 17. Jahrhundert in den Niederlanden, wo sich plötzlich eine bürgerliche Kaufmannsschicht herausgebildet hat und sich mit Kunst eingedeckt hat. Oder in Japan im 19. Jahrhundert, wo eine gewisse soziale Schicht aus verschiedenen Gründen plötzlich zu Geld kam, ihnen aber aufgrund ihrer Herkunft manche Privilegien verwehrt geblieben sind. Sie durften etwa keinen Grund erwerben, oder keine Häuser bauen. So hat sich in gewissen Vierteln Tokios ein Kunstmarkt für Holzschnitte erotischer Inhalte herausgebildet, die von jener Käuferschicht erworben wurden. Gegenwärtig erleben wir eben die Generation der Erben oder auch jener, die mit der New Economy Geld gemacht haben, und sich lieber Kunst als beispielsweise teure Autos kaufen.

K: Hier wird auch wieder deutlich, wieviel Kunst mit Erotik und Lust zu tun hat und man erinnert sich zwangsläufig an das Freudsche „Fetischobjekt“. Leugnen ist zwecklos, auch ich selbst sammle Kunst und tausche immer wieder gerne mit befreundeten Künstlern.

B: Die Motivation liegt sicher auch im erotischen Bereich, das Jagenwollen ist dabei fast wichtiger, als das Besitzen. Doch inhaltlich geht es in der Kunst um mehr. Roland Barthes hat einmal gesagt, daß man von einem zum anderen taumelt und dieser Taumel, der nicht endet, der versetzt den Sinn und verschiebt ihn immer weiter auf später. Es ist gleichsam ein ungeplantes Taumeln in einem großen Thema, das letzlich bei der Frage endet: Was macht den Menschen aus? Die Oberfläche? Die Kleidung? Die Bewegung? Oder ist es das, was wir Seele nennen?

K: Die Seele ist für mich in erster Linie ein begriffliches Problem. Aber die Frage, was den Menschen ausmacht, rein naturwissenschaftlich zu beantworten, wäre auch ziemlich langweilig. Spontan würde ich sagen, es geht vor allem um Liebe und Sex.

(c) the author and Clemens Krauss