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Gespräch Katja Blomberg mit Clemens Krauss,
Haus am Waldsee, Berlin, am 12. Dezember 2005
B: Wenn man sich die Bilder Ihre Serie „Das Körperkörper-Problem“
ansieht, fällt einem zuerst die offene, rauhe Oberfläche auf. Man denkt
an Schrunden und Wunden. Was hat Ihre Malerei mit Ihrem früheren Beruf
als Arzt zu tun?
K: Der Gebrauch der pastosen Ölfarbe hat natürlich seine
Implikationen. Der teilweise zentimeterdicke Farbauftrag erzeugt keine
homogene, intakte Körperoberfläche, sondern durch die aufgerissene Farbe
und Struktur entsteht ein Eindruck der Versehrtheit. Das ist aber nur
eine von vielen Beziehungen. Prinzipiell würde ich sagen, daß sowohl die
Inhalte als auch der technische Gebrauch aller Medien einen Hinweis auf
meinen naturwissenschaftlichen Hintergrund erlauben.
B: Die Malereien sind tatsächlich sehr plastisch, so daß man den
Eindruck hat, Sie seien eher Bildhauer als Maler. Die Figuren sind ganz
in sich geschlossen, die Leinwände sind zum größten Teil weiß gelassen.
Man sieht Körperfragmente, die in der Binnenzeichnung völlig aufgelöst
sind. Hat dieses Weiße, dieses Aseptische, Freigestellte, damit zu tun,
daß Sie aus dem Bereich des klinischen Umfeldes kommen?
K: Aseptisch ist in diesem Zusammenhang natürlich ein schönes
Wort, inwiefern die Bilder jedoch direkt mit einem aseptisch klinischen
Alltag zu tun haben, kann ich schwer beurteilen. Was ich aber mit
Sicherheit sagen kann ist, daß der Arbeit die prinzipielle Überlegung
zugrunde liegt, warum man Malerei überhaupt macht. Obwohl ich aus der
Malerei komme, würde ich mich nicht als Maler im eigentlichen Sinne
bezeichnen, der sich vor die Leinwand stellt und sie solange bemalt, bis
sie „fertig“ ist. Meine Denk- und Vorgehensweise ist wohl eher
multimedial. Damit meine ich nicht nur, daß ich mit anderen Medien
arbeite, sondern daß ich mir für ein entsprechendes Vorhaben zunächst
die probateste Methode aussuche. Immerhin hätte ich die Figuren der
Malereiserie “Das Körperkörper-Problem“ auch als Fotografien arrangieren
können, die Nutzung der pastosen Farbe als eigenständige Qualität hat
mich jedoch für die Malerei entscheiden lassen. Die Farbe stellt hier
nicht nur dar, sondern ist Material und erfüllt somit eine Funktion
selbst.
B: In einem anderen Projekt haben Sie ja mit Fotografie
gearbeitet. Nämlich in der Serie „Look-alikes“, die auf den ersten Blick
an geklonte Menschen erinnert, obwohl Sie die Personen zufällig und in
den unterschiedlichsten sozialen Zusammenhängen „gecastet“ haben.
K: Die abgebildeten Personen der Serie „Look-alikes“ sind
miteinander nicht verwandt, leben in unterschiedlichen Städten und haben
sich untereinander wahrscheinlich noch nie gesehen. Jeder von uns kennt
die Situation, irgendwo plötzlich einen Menschen zu treffen, der einen
spontan an jemanden, den man gut kennt, erinnert, der diesem eben sehr
ähnlich sieht. Dennoch sind Übereinstimmungen dieser Art reiner Zufall.
Auch der Vergleich persönlicher charakterlicher Merkmale mit äußeren
Erscheinungen, der ja wissenschaftlich gesehen völlig absurd ist, zeigt
nur durch Zufall die eine oder andere Übereinstimmung. Hier steht in
erster Linie die Frage der Einmaligkeit des Menschen und die Stabilität
des Individuums im genetischen Zeitalter zur Debatte.
B: In der Malerei wiederum geht es Ihnen ja gewissermassen auch um
Ähnlichkeiten. Bestimmte Haltungen und Gesten etwa aus der Werbung oder
den Medien werden von Ihnen modellhaft mit ihrem eigenen Körper
nachgestellt und in die Malerei als bewegte Figuren übertragen. Diese
wirken zwar einerseits innerlich bewegt, aber zugleich auch relativ
kontrolliert, gleichsam relaxt und distanziert, wie es ja beispielsweise
auch einem gegenwärtigen Schönheitsideal entspricht. Dabei wird das
Gemeinsame zwischen den Individuen immer wieder herausgarbeitet.
K: Posen und Haltungen sind – so denke ich - auch etwas sehr
Zeitgemäßes. Bestimmt sind sich die Menschen einer Generation oder einer
Zeit diesbezüglich sehr ähnlich und wahrscheinlich hätten entsprechende
Körper vor 100 Jahren anders posiert.
B: So fällt Ihnen sicherlich auch in Ihrem Projekt „Sprechstunde“
auf, daß - trotz der individuellen Unterschiede – die Menschen in Ihren
Problemen ebenso Ähnlichkeiten aufweisen.
K: Die Grundmuster der Fragen und Probleme sind mitunter sehr
ähnlich. Es gibt typische Befindlichkeiten typischer Charaktere. Das ist
jetzt keinesfalls als Klischee zu verstehen, aber da das Projekt bislang
im Kunstkontext stattgefunden hat, treffe ich immer wieder auf den
typischen Protagonisten des Kunstpublikums: jüngeres bis mittleres
Alter, gebildet, köperbewußt aber auch mit einem Hang zur Neurose.
B: Ausgehend von der Serie „Teil eines langsamen Selbstportraits“
und der aktuellen Malereiserie mit den freigestellten Körpern frage ich
mich: ist das eher von außen gedacht oder von innen, sind es
Ausschnitte, Querschnitte oder gar Schnitte?
K: Grundsätzlich sehe ich die Arbeiten seriell und prozesshaft.
Sowohl die Texte in den Bildern als auch die Figuren sebst sind
Fragmente, oder eben Ausschnitte, die keinen Anfang und kein Ende haben
und demnach einiges offen lassen. Da es mir jedoch manchmal schwer
fällt, hinsichtlich der Spaltung von Körper und Geist begrifflich das
dualistische Prinzip von Außen und Innen auseinanderzuhalten, kann ich
nicht genau sagen, von welcher Seite der Blick tatsächlich kommt. Aber
Schnitt gefällt mir gut, da es mich an den lustvollen chirurgischen
Einschnitt erinnert.
B: In der Arbeit „Großes Selbstporträt“ thematisieren Sie aber
gerade die Haut als Barriere zwischen Innen und Außen. Es ist doch wohl
offensichtlich die abgrenzende Membran, die sie interessiert.
K: Die Haut steht hier eher für eine Barriere der Wahrnehmung.
Wenn ich mich visuell etwas nähere, sei es Gesichtern oder Körpern, so
endet das, was an meine Netzhaut dringt, zunächst an der Oberfläche,
obwohl es stets das Ansinnen ist, in der Fotogarfie oder Malerei etwa,
von außen weiter in die Tiefe einzudringen. Umgekehrt nehmen wir die
Haut psychologisch von innen heraus als Grenze zur Umwelt wahr. Zudem
finde ich es interessant, das Sujet des jahrhundertealten heroischen
Künstlerselbstporträts selbst, und ein wenig auch dessen Scheitern, zu
thematisieren.
B: Es geht ja offenbar immer wieder um Oberflächen und
Ähnlichkeiten. Jetzt stellt sich mir als Betrachter die Frage, wo liegt
denn hier die Wahrheit? Liegt sie unter der Oberfläche oder etwa in der
Oberfläche?
K: In all den Arbeiten geht es mehr oder weniger um die
Darstellung des Körpers. Damit meine ich nicht zwingend den
menschlichen, biologischen Körper und schon gar nicht eine nachahmende
Darstellung desselben. Vielmehr geht es um eine Erfahrung des Körpers.
Dieser kann eben mit den unterschiedlichsten Methoden erfahrbar gemacht
werden. Als haptische Malerei, als Ausdruck der Ähnlichkeit oder in Form
eines intimen medizinischen Gesprächs. Und die so genannte Wahrheit
erweist sich dabei als tückisches Phänomen, da sie oberflächlich als
Täuschung, darunter als Enttäuschung auftreten kann.
B: Der Übergang von der Naturwissenschaft zur Kunst in Ihrer
Biografie ist besonders interessant. Was hat Sie motiviert, Ihr
Forschungsfeld zu verlagern?
K: Für mich ist es weniger eine Verlagerung als eine Erweiterung.
Die spannendsten Entwicklungen und Erkenntnisse der Gegenwart passieren
immer noch in den Naturwissenschaften, etwa in der Quantenmechanik oder
in der Biotechnologie. Dennoch ist es für mich naheliegender, meine
Überlegungen in der Bildenen Kunst zu machen, denn mich interessieren
künstlerische Methoden wie beispielsweise Übertreibung, Ironisierung
oder Kritik mehr als wissenschaftliche wie Vermessung oder
Messbarmachung.
B: Sie haben Ihre Bilder gerade auf der Art Basel Miami Beach
gezeigt, wo sie sich auch sehr gut verkauft haben. Wie gehen Sie mit der
aktuellen boomenden Situation des Kunstmarktes – und da vor allem jener
der Malerei - um?
K: Ich weise immer gerne darauf hin, daß ich schon gemalt habe,
als Malerei noch völlig „out“ war und ebenso werde ich Malerei
betreiben, sollte sie irgendwann vielleicht mal gerade nicht mehr „in“
sein. Dieses Genre ist viel zu ehrbar und hat zu viele medienimmanente
Vorteile, als dass man es allein blossen Trendkriterien aussetzen
könnte. Natürlich bin ich aber über das zunehmende Interesse von
Sammlern und des Kunstmarktes nicht unglücklich, dennoch mache ich keine
Arbeiten für ein bestimmtes Umfeld, sondern vielmehr möchte ich ein
gewisses Umfeld mitgestalten, in dem meine eigenen Arbeiten wichtig
werden. Mein letztes Projekt etwa war eine kurze Videoarbeit, die mich
viel Zeit und Geld gekostet hat, und mich theoretisch davon abgehalten
hat, andere, verkäuflichere Arbeiten zu produzieren. Aber wenn es mir
schließlich ums Geld ginge, dann hätte ich in der Medizin bleiben
müssen.
B: Sie sind erstaunlich kurz in diesem Feld tätig und Sie stehen
verhältnismäßig noch am Beginn Ihrer Karriere. Wie wird es weitergehen?
K: Glücklicherweise muss man als Künstler nicht allzu lange
vorausplanen, politische und gesellschaftliche Themen begegnen einem
täglich aufs neue. Gegenwärtig erleben wir etwa die Situation der großen
Kunstmessen, in denen es immer mehr neben dem Verkauf auch um den
Anspruch eines intellektuellen Diskurses geht. Damit werden diese
einerseits für die Entwicklung und die Einflußnahme auf künsterlische
Tendenzen immer wichtiger. Aber andererseits wird auf solchen
Großveranstaltungen in erster Linie Verkäufliches im großen Stil
umgesetzt. Dieses Phänomen finde ich ansich interessant und ich denke,
daß dies auch in Zukunft verstärkt in meiner Arbeit reflektiert wird.
Denn natürlich beschäftigt mich auch, wie problematisch Trends und damit
folglich Gegentrends sein können. Wie vorsichtig muß man damit wirklich
umgehen?
B: Ich glaube schon, daß man etwas vorsichtig sein muß, weil man
immer wieder klären sollte, wie wir es jetzt auch in diesem Gespräch
versucht haben, ob es um Inhalte geht oder um das Kunstwerk als Ware.
Und im Moment schlägt das Pendel sehr stark dahingehend aus, daß das
Bild wieder Ware ist. Auch sind wir erneut zum Geniekult zurückgekehrt
und in eine Zeit, in der Stars wieder eine große Rolle spielen.
Einerseits tut es der Aufmerksamkeit der zeitgenössischen Kunst in der
Öffentlichkeit gut, auf der anderen Seite können wir davon ausgehen, daß
viele auch Kunst nur als Dekoration kaufen oder um sich ein
intellektuelles Image zu verpassen.
K: Dennoch hat es Sammler und Förderer immer gegeben und wird es
sie als integralen Pfeiler des Kunstgeschehens in Hinkunft geben müssen.
Hat diese Entwicklung auch mit politischen Situationen oder
gesellschaftlichen Umbrüchen zu tun?
B: Es gab ja immer wieder Zeiten in den verschiedensten Kulturen,
in denen eine bestimmte gesellschaftliche Schicht plötzlich zu relativ
viel Geld gekommen ist, etwa im 17. Jahrhundert in den Niederlanden, wo
sich plötzlich eine bürgerliche Kaufmannsschicht herausgebildet hat und
sich mit Kunst eingedeckt hat. Oder in Japan im 19. Jahrhundert, wo eine
gewisse soziale Schicht aus verschiedenen Gründen plötzlich zu Geld kam,
ihnen aber aufgrund ihrer Herkunft manche Privilegien verwehrt geblieben
sind. Sie durften etwa keinen Grund erwerben, oder keine Häuser bauen.
So hat sich in gewissen Vierteln Tokios ein Kunstmarkt für Holzschnitte
erotischer Inhalte herausgebildet, die von jener Käuferschicht erworben
wurden. Gegenwärtig erleben wir eben die Generation der Erben oder auch
jener, die mit der New Economy Geld gemacht haben, und sich lieber Kunst
als beispielsweise teure Autos kaufen.
K: Hier wird auch wieder deutlich, wieviel Kunst mit Erotik und
Lust zu tun hat und man erinnert sich zwangsläufig an das Freudsche
„Fetischobjekt“. Leugnen ist zwecklos, auch ich selbst sammle Kunst und
tausche immer wieder gerne mit befreundeten Künstlern.
B: Die Motivation liegt sicher auch im erotischen Bereich, das
Jagenwollen ist dabei fast wichtiger, als das Besitzen. Doch inhaltlich
geht es in der Kunst um mehr. Roland Barthes hat einmal gesagt, daß man
von einem zum anderen taumelt und dieser Taumel, der nicht endet, der
versetzt den Sinn und verschiebt ihn immer weiter auf später. Es ist
gleichsam ein ungeplantes Taumeln in einem großen Thema, das letzlich
bei der Frage endet: Was macht den Menschen aus? Die Oberfläche? Die
Kleidung? Die Bewegung? Oder ist es das, was wir Seele nennen?
K: Die Seele ist für mich in erster Linie ein begriffliches
Problem. Aber die Frage, was den Menschen ausmacht, rein
naturwissenschaftlich zu beantworten, wäre auch ziemlich langweilig.
Spontan würde ich sagen, es geht vor allem um Liebe und Sex. |