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Dieser Text erschien im Katalog "A Possible Space" Hg. DNA Berlin 2006
 ISBN 3-89930-167-6

 

 

Tereza de Arruda ist Kunsthistorikerin und Kuratorin, u.a. bei DNA Berlin und TactileBosch Studio in Cardiff, freischaffende Mitarbeiterin im Bereich Bildende Künste am Haus der Kulturen der Welt, Autorin von verschiedenen Publikationen u.a. regelmäßig beim "Allgemeines Künstlerlexikon", Saur Verlag Leipzig.
 

 



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Leichte Anonymität
Zur Arbeit „A Space“ aus der Serie „Das Körperkörper-Problem“ von Clemens Krauss
 
Tereza de Arruda
 
 
 Clemens Krauss ist Performer, der malt, Konzeptualist, der performt. Sein Betätigungsfeld entzieht sich zunächst einer klaren Grenzziehung. Beim genaueren Betrachten der Arbeit stellt sich schnell heraus, dass solche Grenzen auch kaum von Bedeutung sind. Denn das eine entwickelt sich aus dem anderen, die eine Methode bedingt die andere – und vice versa.
Stabil bleibt dabei in erster Linie das zentrale Interesse der Arbeit von Clemens Krauss: der (menschliche) Körper.
 
 Darum geht es schließlich auch in den Malereien der Serie „Das Körperkörper-Problem“, an der Krauss seit 2004 arbeitet. Diese widersetzen sich ebenso einem definierten Kanon, wie einer grundsätzlichen Haltung zur Starrheit von Begriffen wie Genre oder Technik. Wieder und wieder finden sich anonyme Figuren auf völlig weißem Hintergrund. Oder ist es nicht Hintergrund, sondern bloß die unbemalte Leinwand?
 Die Körper sind mit teilweise absurd dickem Farbauftrag modelliert. Kontraste und Schattierungen ergeben sich durch das scheinbar zufällige Ineinanderfließen – oder Ineinanderwölben - der Farbschichten. Der Auftrag verläuft in verschiedenen Ebenen, wodurch die Bildoberfläche zu einer kraterartigen Mondlandschaft wird.
 Und immer wieder kommt irgendwo etwas Schrift hervor – stets bruchstückhaft und praktisch nicht lesbar.
 
 Mit der Arbeit „A Space“ wird eine performative Malerei raumbezogen in Szene gesetzt. Krauss sieht „A Space“ als Teil der Serie „Das Körperkörper-Problem“. Schließlich sind Bildaufbau und Technik – auch in Bezug auf das Konzept der Serie – prinzipiell ähnlich. Die Subversion einer bestehenden Ordnung bezieht sich hier jedoch auf den eigentlichen Bildträger. Aus der flachen, transportablen Leinwand wird eine architektonische Situation, aus dem Bild wird ein Raum.
 
 Im Sommer 2005 fand im Bunker unter der Arena in Berlin die Ausstellung „Der Freie Wille“ statt. Clemens Krauss arbeitete hier erstmals mit dem Prinzip einer dreidimensionalen Raummalerei. Die geringe Deckenhöhe und die Bedrohlichkeit des Ortes verstärkten das immersive Element – der Raum wurde nicht nur zu einer begehbaren Installation, sondern auch zu einer Reflexion des Ortes selbst.
 .
 Darum geht es in gewisser Weise auch in „A Space“. Ohne dass der Raum hier jedoch als solcher eine übermäßige Bedeutung erlangt, werden Situationen, Strukturen und etwa auch Perspektiven ermittelt, die als gestalterische Konditionen die Arbeit v o r  O r t bestimmen. Tatsächlich betrachtet Krauss das Sicheinschließen und Sichzurückziehen in den Ort des Geschehens als integralen Bestandteil des performativen malerischen Prozesses.
 
 Das performative Element liegt allen Arbeiten von Clemens Krauss zugrunde. Der eigene Körper ist von Beginn an mehr oder weniger Ausgangspunkt seines Wirkungsfeldes – und damit auch seiner Malerei. Der Körper dient als Modell, als Bezugspunkt, gleichsam als Nullraum – das Individuum Clemens Krauss ist dennoch nicht Protagonist.
 Im Idealbildnis der Kulturgeschichte sind die individuellen Attribute auf ein Ideal von Schönheit und menschlicher Bedeutung angewiesen. Krauss geht es aber weder um das Bildnis (erst recht nicht um ein „ideales“), noch um eine ästhetische oder bedeutungsvolle Bewertung der dargestellten Momente.
 
 Clemens Krauss übernimmt vielmehr die Rolle eines Schauspielers, der selbst verschiedene Persönlichkeiten verkörpert. Die Figuren dieser Rollen, seine Vor-Bilder, entstammen dem Bilderpool gegenwärtiger Medien und Kommunikationsmechanismen. Posierende Gestalten finden sich allgegenwärtig etwa im Internet, in Zeitungen und Zeitschriften, im Fernsehen. Diese ausgewählten Figuren und Situationen bieten Mimik und Haltung als Verweis auf gesellschaftliche und politische Ereignisse. Sie sind Teil einer an die Globalisierung angepassten Geschwindigkeit, die es Krauss ermöglichen, simultan zu den „echten“ Protagonisten zu agieren, das heißt gleichzeitig auch eine ähnliche Haltung einzunehmen und in weiterer Folge gewisse Bilder zu rekonstruieren und zu rekombinieren.
 
 „Das eigentliche Abenteuer der Neuzeit besteht darin, dass zum ersten Mal in der Geschichte alle Menschen sich allen Menschen gegenübergestellt sehen, ohne den Schutz unterschiedlicher Umstände und Lebensbedingungen.“
 Das konstruierte Moment, nochmals neu von Clemens Krauss in seinen Bildern provoziert, bezieht sich nicht nur auf ein spezifisches Wesen, sondern auf Systeme, Manifestationen, Demonstrationen und Konfrontationen, die symbolisiert werden. Die Menschen in diesen Situationen mögen Sportler, Jugendliche, Musikgruppen, Demonstranten oder gar Fanatiker sein.
 
 Die malerische Prozedur könnte auf den ersten Blick vergleichbar mit der romantischen „Nachahmung der Natur“ sein. Clemens Krauss aber malt seine Figuren gesichtslos; weder die so genannten Vorbilder, noch der Künstler selbst als Modell, sind präzise zu erkennen. Die Identität bleibt verborgen. Diese Unklarheit lässt viel Spielraum für Spekulationen. Das malerische Motiv ist das Ergebnis der Übernahme und Bearbeitung von verschiedenen Charakteren und Mythen des alltäglichen Lebens, die miteinander fusioniert werden. Subjekt und Objekt wirken im ersten Augenblick wie miteinander verbunden: „Hat Subjekt einen Kern von Objekt, so sind die subjektiven Qualitäten am Objekt erst Recht ein Moment des Objektiven. Denn einzig als Bestimmtes wird Objekt zu etwas.“
 
 Die Unklarheit der Figuren ist ein Hinweis auf einen Verwandlungsprozess. Diese These wird anhand der Malweise noch klarer. Die Darstellung ist aus einer groben Verschmelzung von Farben, die ineinander übertragen werden, komponiert. Die Konturen bleiben unklar, die Ölfarbe wirkt lebendig. Sie spiegelt eine bewegliche Dynamik wieder. Diese Struktur befreit sich vom Bildträger und erobert durch ihre Masse gleichsam den Raum. Das Organische wird nicht durch Haut und Haare dargestellt, sondern durch Volumen.
 Wie nach einem Prinzip der Aufklärung wird der Organismus funktional gedacht; das Funktionieren des Körpers wird wichtiger als der Körper selbst.
 
 Diese Dramaturgie findet sich im Projekt „A Space“ in der DNA Galerie Berlin wieder. Der Raum verwandelt sich in einen einzigen Bildträger. Die Gestalten vermehren sich und werden unregelmäßig auf sämtliche Wände verteilt.
Clemens Krauss malt meistens nur Torsi, zumindest aber Figuren ohne vollständige Gliedmaßen. Dennoch spürt man von Anfang an eine starke Beweglichkeit und Geschwindigkeit der Kompositionen.
 Bei der Betrachtung dieser malerischen Performance wird ihr Ablauf klar: Entstehungsphase, Realisierung und Präsentation. Da dieser Prozess sozusagen im öffentlichen Raum einer Galerie – im Gegensatz zum privaten Atelier – stattfindet, bleibt die Ausführung der Arbeit nicht Teil des Vorganges sondern wird zum Teil des Ergebnisses.
 
 Zum Ende der Ausstellung wird die entstandene Arbeit von der Wand abgenommen und dabei zwangsläufig zerstört. Ihre kurze Existenz hinterlässt beim Betrachter eine Art vorprogrammierte Sehnsucht. Jeder flüchtige Charakter trägt aber im Wesen auch das Potential für einen Mythos in sich.
 „Der Mythos ist ein Wert, er hat nicht die Wahrheit als Sicherung; nichts hindert ihn, ein fortwährendes Alibi zu sein. Es genügt, dass sein Bedeutendes zwei Seiten hat,
 und immer über ein Anderswo zu verfügen: der Sinn ist immer da, um die Form präsent zu machen, die Form ist immer da, um den Sinn zu entfernen. Es gibt niemals einen Widerspruch, einen Konflikt, einen Riss zwischen dem Sinn und der Form, sie befinden sich niemals an demselben Punkt. Auf die gleiche Weise kann ich, wenn ich in einem fahrenden Auto sitze und die Landschaft durch die Scheibe betrachte, meinen Blick nach Belieben auf die Scheibe oder auf die Landschaft einstellen. Bald erfasse ich die Anwesenheit der Scheibe und die Entfernung der Landschaft, bald dagegen die Durchsichtigkeit der Scheibe und die Tiefe der Landschaft. Das Ergebnis dieses Alternierens ist jedoch konstant: die Scheibe ist für mich zugleich gegenwärtig und leer, die Landschaft ist für mich zugleich irreal und erfüllt. Genauso verhält es sich beim mythischen Bedeutenden: die Form ist leer, aber gegenwärtig, der Sinn ist abwesend und doch erfüllt.“
 
 „A Space“ erfüllt seine Funktion und verursacht eine Leere, nachdem die Installation zerstört wird. Ihr kurzes irdisches Dasein – ihr Sinn – wird aber dokumentiert. Wie ein Lebenszyklus schließt sich endlich der Kreis: Die Bilder der Serie „Das Körperkörper-Problem“ kommen aus gedruckten und visuellen Medien, die malerische Installation „A Space“ wird nach ihrem Ende lediglich als stattgefundene Aktion existieren, aber als Dokumentation in das gedruckte Medium zurückkehren.

(c) the author and Clemens Krauss