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Leichte Anonymität
Zur Arbeit „A Space“ aus der Serie „Das Körperkörper-Problem“ von
Clemens Krauss
Tereza de Arruda
Clemens Krauss ist Performer, der malt, Konzeptualist, der performt. Sein
Betätigungsfeld entzieht sich zunächst einer klaren Grenzziehung. Beim
genaueren Betrachten der Arbeit stellt sich schnell heraus, dass solche
Grenzen auch kaum von Bedeutung sind. Denn das eine entwickelt sich aus
dem anderen, die eine Methode bedingt die andere – und vice versa.
Stabil bleibt dabei in erster Linie das zentrale Interesse der Arbeit
von Clemens Krauss: der (menschliche) Körper.
Darum geht es schließlich auch in den Malereien der Serie „Das
Körperkörper-Problem“, an der Krauss seit 2004 arbeitet. Diese
widersetzen sich ebenso einem definierten Kanon, wie einer
grundsätzlichen Haltung zur Starrheit von Begriffen wie Genre oder
Technik. Wieder und wieder finden sich anonyme Figuren auf völlig weißem
Hintergrund. Oder ist es nicht Hintergrund, sondern bloß die unbemalte
Leinwand?
Die Körper sind mit teilweise absurd dickem Farbauftrag modelliert.
Kontraste und Schattierungen ergeben sich durch das scheinbar zufällige
Ineinanderfließen – oder Ineinanderwölben - der Farbschichten. Der
Auftrag verläuft in verschiedenen Ebenen, wodurch die Bildoberfläche zu
einer kraterartigen Mondlandschaft wird.
Und immer wieder kommt irgendwo etwas Schrift hervor – stets
bruchstückhaft und praktisch nicht lesbar.
Mit der Arbeit „A Space“ wird eine performative Malerei raumbezogen in
Szene gesetzt. Krauss sieht „A Space“ als Teil der Serie „Das
Körperkörper-Problem“. Schließlich sind Bildaufbau und Technik – auch in
Bezug auf das Konzept der Serie – prinzipiell ähnlich. Die Subversion
einer bestehenden Ordnung bezieht sich hier jedoch auf den eigentlichen
Bildträger. Aus der flachen, transportablen Leinwand wird eine
architektonische Situation, aus dem Bild wird ein Raum.
Im Sommer 2005 fand im Bunker unter der Arena in Berlin die Ausstellung
„Der Freie Wille“ statt. Clemens Krauss arbeitete hier erstmals mit dem
Prinzip einer dreidimensionalen Raummalerei. Die geringe Deckenhöhe und
die Bedrohlichkeit des Ortes verstärkten das immersive Element – der
Raum wurde nicht nur zu einer begehbaren Installation, sondern auch zu
einer Reflexion des Ortes selbst.
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Darum geht es in gewisser Weise auch in „A Space“. Ohne dass der Raum
hier jedoch als solcher eine übermäßige Bedeutung erlangt, werden
Situationen, Strukturen und etwa auch Perspektiven ermittelt, die als
gestalterische Konditionen die Arbeit v o r O r t bestimmen.
Tatsächlich betrachtet Krauss das Sicheinschließen und Sichzurückziehen
in den Ort des Geschehens als integralen Bestandteil des performativen
malerischen Prozesses.
Das performative Element liegt allen Arbeiten von Clemens Krauss
zugrunde. Der eigene Körper ist von Beginn an mehr oder weniger
Ausgangspunkt seines Wirkungsfeldes – und damit auch seiner Malerei. Der
Körper dient als Modell, als Bezugspunkt, gleichsam als Nullraum – das
Individuum Clemens Krauss ist dennoch nicht Protagonist.
Im Idealbildnis der Kulturgeschichte sind die individuellen Attribute
auf ein Ideal von Schönheit und menschlicher Bedeutung angewiesen.
Krauss geht es aber weder um das Bildnis (erst recht nicht um ein
„ideales“), noch um eine ästhetische oder bedeutungsvolle Bewertung der
dargestellten Momente.
Clemens Krauss übernimmt vielmehr die Rolle eines Schauspielers, der
selbst verschiedene Persönlichkeiten verkörpert. Die Figuren dieser
Rollen, seine Vor-Bilder, entstammen dem Bilderpool gegenwärtiger Medien
und Kommunikationsmechanismen. Posierende Gestalten finden sich
allgegenwärtig etwa im Internet, in Zeitungen und Zeitschriften, im
Fernsehen. Diese ausgewählten Figuren und Situationen bieten Mimik und
Haltung als Verweis auf gesellschaftliche und politische Ereignisse. Sie
sind Teil einer an die Globalisierung angepassten Geschwindigkeit, die
es Krauss ermöglichen, simultan zu den „echten“ Protagonisten zu
agieren, das heißt gleichzeitig auch eine ähnliche Haltung einzunehmen
und in weiterer Folge gewisse Bilder zu rekonstruieren und zu
rekombinieren.
„Das eigentliche Abenteuer der Neuzeit besteht darin, dass zum ersten
Mal in der Geschichte alle Menschen sich allen Menschen
gegenübergestellt sehen, ohne den Schutz unterschiedlicher Umstände und
Lebensbedingungen.“
Das konstruierte Moment, nochmals neu von Clemens Krauss in seinen
Bildern provoziert, bezieht sich nicht nur auf ein spezifisches Wesen,
sondern auf Systeme, Manifestationen, Demonstrationen und
Konfrontationen, die symbolisiert werden. Die Menschen in diesen
Situationen mögen Sportler, Jugendliche, Musikgruppen, Demonstranten
oder gar Fanatiker sein.
Die malerische Prozedur könnte auf den ersten Blick vergleichbar mit
der romantischen „Nachahmung der Natur“ sein. Clemens Krauss aber malt
seine Figuren gesichtslos; weder die so genannten Vorbilder, noch der
Künstler selbst als Modell, sind präzise zu erkennen. Die Identität
bleibt verborgen. Diese Unklarheit lässt viel Spielraum für
Spekulationen. Das malerische Motiv ist das Ergebnis der Übernahme und
Bearbeitung von verschiedenen Charakteren und Mythen des alltäglichen
Lebens, die miteinander fusioniert werden. Subjekt und Objekt wirken im
ersten Augenblick wie miteinander verbunden: „Hat Subjekt einen Kern von
Objekt, so sind die subjektiven Qualitäten am Objekt erst Recht ein
Moment des Objektiven. Denn einzig als Bestimmtes wird Objekt zu etwas.“
Die Unklarheit der Figuren ist ein Hinweis auf einen
Verwandlungsprozess. Diese These wird anhand der Malweise noch klarer.
Die Darstellung ist aus einer groben Verschmelzung von Farben, die
ineinander übertragen werden, komponiert. Die Konturen bleiben unklar,
die Ölfarbe wirkt lebendig. Sie spiegelt eine bewegliche Dynamik wieder.
Diese Struktur befreit sich vom Bildträger und erobert durch ihre Masse
gleichsam den Raum. Das Organische wird nicht durch Haut und Haare
dargestellt, sondern durch Volumen.
Wie nach einem Prinzip der Aufklärung wird der Organismus funktional
gedacht; das Funktionieren des Körpers wird wichtiger als der Körper
selbst.
Diese Dramaturgie findet sich im Projekt „A Space“ in der DNA Galerie
Berlin wieder. Der Raum verwandelt sich in einen einzigen Bildträger.
Die Gestalten vermehren sich und werden unregelmäßig auf sämtliche Wände
verteilt.
Clemens Krauss malt meistens nur Torsi, zumindest aber Figuren ohne
vollständige Gliedmaßen. Dennoch spürt man von Anfang an eine starke
Beweglichkeit und Geschwindigkeit der Kompositionen.
Bei der Betrachtung dieser malerischen Performance wird ihr Ablauf
klar: Entstehungsphase, Realisierung und Präsentation. Da dieser Prozess
sozusagen im öffentlichen Raum einer Galerie – im Gegensatz zum privaten
Atelier – stattfindet, bleibt die Ausführung der Arbeit nicht Teil des
Vorganges sondern wird zum Teil des Ergebnisses.
Zum Ende der Ausstellung wird die entstandene Arbeit von der Wand
abgenommen und dabei zwangsläufig zerstört. Ihre kurze Existenz
hinterlässt beim Betrachter eine Art vorprogrammierte Sehnsucht. Jeder
flüchtige Charakter trägt aber im Wesen auch das Potential für einen
Mythos in sich.
„Der Mythos ist ein Wert, er hat nicht die Wahrheit als Sicherung;
nichts hindert ihn, ein fortwährendes Alibi zu sein. Es genügt, dass
sein Bedeutendes zwei Seiten hat,
und immer über ein Anderswo zu verfügen: der Sinn ist immer da, um die
Form präsent zu machen, die Form ist immer da, um den Sinn zu entfernen.
Es gibt niemals einen Widerspruch, einen Konflikt, einen Riss zwischen
dem Sinn und der Form, sie befinden sich niemals an demselben Punkt. Auf
die gleiche Weise kann ich, wenn ich in einem fahrenden Auto sitze und
die Landschaft durch die Scheibe betrachte, meinen Blick nach Belieben
auf die Scheibe oder auf die Landschaft einstellen. Bald erfasse ich die
Anwesenheit der Scheibe und die Entfernung der Landschaft, bald dagegen
die Durchsichtigkeit der Scheibe und die Tiefe der Landschaft. Das
Ergebnis dieses Alternierens ist jedoch konstant: die Scheibe ist für
mich zugleich gegenwärtig und leer, die Landschaft ist für mich zugleich
irreal und erfüllt. Genauso verhält es sich beim mythischen Bedeutenden:
die Form ist leer, aber gegenwärtig, der Sinn ist abwesend und doch
erfüllt.“
„A Space“ erfüllt seine Funktion und verursacht eine Leere, nachdem die
Installation zerstört wird. Ihr kurzes irdisches Dasein – ihr Sinn –
wird aber dokumentiert. Wie ein Lebenszyklus schließt sich endlich der
Kreis: Die Bilder der Serie „Das Körperkörper-Problem“ kommen aus
gedruckten und visuellen Medien, die malerische Installation „A Space“
wird nach ihrem Ende lediglich als stattgefundene Aktion existieren,
aber als Dokumentation in das gedruckte Medium zurückkehren. |