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Gespräch zwischen Shaheen Merali und Clemens Krauss
Mai 2005 (Ausschnitte)
M: Unsere
heutige Begegnung wird unter anderem dadurch ermöglicht, dass sich
unsere Wege vor einiger Zeit in London kreuzten, wo uns Sarat Maharaj,
Co-Kurator der Documenta 11, einander bekannt machte. Jetzt geht es uns
aber um eine Diskussion über deine Arbeit. Ich würde gerne ein paar
Fragen stellen - da du vor den Arbeiten stehen wolltest, wird dies
sicherlich auch die Form des Gesprächs beeinflussen.
Ich selbst denke, dass
das Sprechen über Kunst, anstelle des Schreibens oder schlicht des
Redens über Kunst, eine der grossen Vergnügungen darstellt, welche wir
beim Nachdenken über Bedeutung von Bildern empfinden.
Bilder übersättigen
unsere Welt und Umwelt auf eine Art, die wir Postermoderne zu nennen
gelernt haben. Dies rührt teilweise daher, dass wir auf Bilder schauen,
diese verstehen und anhand dieser Bilder unsere Welt konstruieren.
In dieser Hinsicht wird
die Rolle des Künstlers immer wichtiger, denn die Künstler helfen uns zu
verstehen, wie ein Bild konstruiert ist und warum es konstruiert wird,
wie es sich wiederspiegelt in einer Gesellschaft, die zum Publikum wird.
Als Einleitung möchte ich dich über ein paar grundlegende Aspekte deines
Werkes befragen. Oder noch allgemeiner, was ist ein Werk?
K: Ich denke,
wenn wir über ein Werk sprechen, sollte man zunächst die grundlegende
Unterscheidung zwischen einem prozessualen und einem abgeschlossenen
Werk vornehmen. Meine Arbeit zum Beispiel sehe ich als Prozess. Die
Bilder, vor denen wir uns befinden, stellen demnach nur einen Teil
meiner Arbeit dar, sagen wir das Feld in dem ich momentan arbeite. Man
kann etwa einen Hinweis auf den prozessualen Chrakter in den Malereien
finden, in denen unfertige Figuren neben Ausschnitten aus Texten
gestellt werden.
Die Texte stammen aus
einer fortwährenden Sammlung eigener Notizen, Wahrnehmungen und
Schriftstücke. Sie speisen sich aus meinen Erfahrungen und
Untersuchungen, auch über den Begriff des Werkes selbst. Daneben
existiert die ausgeprägte Materialität der Farbe, die wiederum ein ganz
anderes Element darstellt.
M: Du
sprichst vom Text als Text eher als Bild, demgegenüber aber vom Bild als
Bild. Es gibt also eine Dualität, in der du das gesamte Bild als
unterteilt in Text und Bild betrachtest?
K: Das ist
ein wichtiger Aspekt. Natürlich spiele ich vorwiegend mit der Idee eines
so genannten Dualismus – das mache ich schon seit der Serie ’Teil eines
langsamen Selbstportraits’. Ich denke, in der Malerei ist es aber eher
eine formale Dualität; flach gedruckter, fast verblasster Text und dann
der dicke, fleischlich-viszerale Farbauftrag.
Die Texte beziehen sich
ebenso auf den Körper wie auf das gesamte westliche Konzept der Trennung
zwischen Körper und Geist. Da ich aber den jeweiligen Text nicht nur
hinsichtlich des Inhalts auswähle, sondern auch die Art und Form des
Schriftzuges berücksichtige, wird der Text automatisch zu einem
gleichberechtigten visuellen Teil des Bildes.
M: Die Bilder
sprechen hintergründig von Zweideutigkeit und, wenn man insbesondere die
Gesichtszüge betrachtet, von verschwommenen Identitäten des Menschen.
Die Texte aber beziehen sich auf die Körper. Warum diese spezifische
Auswahl? Welche Idee ruht in diesen Bildern? Was vermittelst du uns
damit?
K: Die Idee
des Körpers ist hier sowohl eine naturwissenschaftliche – etwa die des
menschlichen Körpers - als auch jene des Körpers in einem grösseren
Zusammenhang, beispielsweise die eines Modells für universelle
Phänomene. Die Texte wiederum beziehen sich auf diese Ideen und sie
versuchen auch auf die Idee der Dychotomie, die wir vorher besprochen
haben, hinzuweisen. In diesem Kontext, den ich besonders interessant
finde, versuche ich Menschen als sexuelle Wesen, Identitäten und Körper
darzustellen.
Diese Diskontinuität
spiegelt sich in der Entscheidung für oder gegen ein Textstück oder in
der Zusammenstellung von unfertigen, instabilen Figuren wieder. Diese
Entscheidungen sind natürlich auch ästhetische. Zum Beispiel welchen
Teil des Körpers, welche Pose, welche Wortserie, welche Buchstaben
gehören ins Bild? Es klingt vielleicht wie eine banale Entscheidung,
aber es ist ebenso wichtig, da der Text keinesfalls Untertitel zu den
Bildern ist.
M: Ich denke
gerade an die sinnliche Verwendung von Farbe, die Art wie das Fleisch
manipuliert wird und wir ihm dann begegnen. Die Haut als grösstes Organ
des menschlichen Körpers hält das Fleisch zusammen, aber hier haben wir
eine Art Ausser-Haut Erfahrung, bei der einem das Fleisch buchstäblich
aus dem Bild entgegenspringt. Da die Kleider mit ähnlichen
Pinselstrichen gemalt sind, haben sie auch eine bestimmte Ähnlichkeit
mit der Haut und dem Ablösen des Fleisches. Was würdest Du zu dieser
Sinnlichkeit und dem Text, der diese ja ebenso repräsentiert, sagen?
K: Einer der
wichtigsten Gründe, auch weiterhin Malerei zu betreiben, liegt in der
materiellen Qualität der Ölfarbe. Es wurde zunehmend notwendig, die
Farbe mit ihrem organisch fleischlichen Charakter einzusetzen. Der
pastose Auftrag kann als Verweis auf das Ablösen von Haut und Fleisch,
von dem du eben vorher sprachst, gesehen werden. Das Modellieren und das
Operieren mit diesem Material ist ja auch ein ziemlich chirurgischer
Vorgang.
M: Wie sehr
beinflusst dein chirurgischer Hintergrund deine Malerei?
K:
Grundsätzlich sehe ich meine medizinischen Ursprünge und meine Zeit in
der Klinik als Teil meines künstlerischen Werdeganges,
verständlicherweise tauchen daher biologische und wissenschaftliche
Themen in meiner Arbeit auf. Manche dieser Bilder, vor allem die
Körperteile, können als Reminiszenz etwa auf chirurgische Zugänge
gesehen werden. So wie man diese in Lehrbüchern nachlesen kann – als
Anleitung die Grenze des Körpers zu durchbrechen und in das Innere
einzutauchen.
M: Bei den
Figuren in den Bildern denke ich an junge Männer. Ich finde die
Kleidungsstücke ziemlich interessant: kurze Ärmel, offene Jacken. Es
liegt auch etwas von einer sexuellen Aussage in diesen Bildern. Eine Art
von Cruisingmentalität, die Zweideutigkeit von Körpern, die darauf
warten, aufgelesen zu werden. Es gilt hier etwas über junge Maskulinität
und über die Erregung des Wartens zu erfahren und schließlich über die
Art und Weise wie das immer und immer wiederholt wird, als eine Art
eigene Erfahrung.
K: Die Bilder
handeln vor allem von Körper und Wahrnehmung, über die Verwendung des
Körpers als Modell und Platzhalter für Untersuchungen und davon, wie die
Gesellschaft von visuellen Erfahrungen beeinflusst wird. Die Art, wie
einzelne Körper eine Situation der vielen Körper kreieren, hat eine
implizite sexuelle Komponente. Das kann man natürlich als Sexualität des
Wartens bezeichnen. Menschen sind ja schließlich sexuelle Wesen.
Da ich - oder besser
gesagt - mein Körper quasi als Modell für die Figuren steht, wirken
diese dann vielleicht eher wie junge Männer. Sie sind aber keinesfalls
Selbstportraits und da die Bilder ja auch verwischt sind, bleiben die
Figuren hinsichtlich des Alters oder des Geschlechts unklar. Sie sind
gewissermassen anonyme Figuren, es ist im Prinzip gleichgültig, wer sie
sind. Es handelt sich ja doch mehr um konstruierte Gruppen und deren
Positionen zueinander, und darum wie Spannungen entstehen und wie sie
innerhalb der Arbeit platziert sind.
M: Für mich
zeigen die Arbeiten eine spezifische Gewichtung bezüglich der
Plazierungen der Figuren. Da sie aber du sind und doch keine
Selbstportraits sind, entspricht dies dem, was Cindy Sherman über ihre
Photographien sagt: „Sie sind ich selbst, aber doch keine
Sebstportraits“. Sie wird zu einem Modell für die Kamera und du deutest
an, Modell für deine Malereien zu sein.
Weiters muss man etwas
über die Verwendung der Farbe sagen. Die Farbe ist nicht rein, sie ist
chaotisch. Sie erzeugt scheinbar eine gewisse Angst. Wie siehst du dich
als Metapher für Maskulinität, Verfügbarkeit und Sinnlichkeit? Wie
gestaltet sich die Verbindung zu dir selbst und zu den Selbstbildern und
den Bildern auf der Leinwand?
K: Zunächst
möchte ich etwas zur Verfügbarkeit sagen, die du erwähntest, denn dies
ist ein ziemlich praktisches Argument. Es gibt nichts, was zu jeder Zeit
verfügbarer wäre, als der eigene Körper. Ich mache Gebrauch von dieser
Verfügbarkeit des Körpers als einem Referenzpunkt, von dem ausgehend ich
meine Untersuchungen starte. Und wenn man seinen Körper in solcher Weise
verwendet, so glaube ich, dass es unvermeidbar wird, die eigene
Situation dabei zu reflektieren. Es tritt dabei viel zu Tage über die
Situation des Selbst in seiner Zeit und Referenzen unter anderem etwa zu
Politik, Jugendkultur und natürlich Reflexionen des Selbst als sexuelles
Wesen.
Dennoch hat die
Anordnung der Körper in den Malereien viel mehr mit den Bildern aus den
externen Quellen zu tun, als mit mir selbst. Natürlich, ich posiere und
stelle mich dann neben diese Ideen. Es ist aber nicht notwendigerweise
wichtig, dass ich es bin, es könnte auch jemand anderes sein. Das ist
ein grundsätzlicher Unterschied zu Cindy Shermans Arbeit.
M: Jedes Bild
ist in einem gewissen Ausmass unfertig. Zum Beispiel bleiben alle
Figuren ohne Beine. Auf eine gewisse Art sind Beine unwichtig oder sie
werden gar nicht als Teil des Körpers angesehen. Diese repetitive
Beharrlichkeit wandelt sich zum Muster. Was sagt denn dieses Muster über
dich?
K: Meine
ganze Arbeit ist ein fortlaufender Prozess. Dinge entwickeln sich,
verändern sich daher klarerweise. Natürlich sind die Malereien auch Teil
dieses Prozesses. Man sieht es an den Ausschnitten aus dem Text und den
unfertigen Bildern. Dieser Prozess ist ein inhaltlicher Teil der Arbeit
und ebenso immanenter Teil der Malerei. Demnach bekommen Begriffe wie
unfertig oder unvollendet eine andere Bedeutungen. Auch wenn die
Malereien aussehen, als ob sie in einer spontanen, gestischen Weise
entstanden wären, sind sie tatsächlich ziemlich konzeptionell geplant.
Ich habe immer ein Bild im Kopf, bevor ich anfange zu malen. In diesem
Zusammenhang muss auch etwas über die Entscheidung gesagt werden, wann
denn ein Bild überhaupt als fertig oder vollendet betrachtet werden
kann. Dies ist zweifelsfrei eine der schwierigsten aller Entscheidungen,
da man ja immer noch ein bisschen weitermalen könnte oder eben auch
jederzeit aufhören könnte. Das ist tatsächlich vielmehr ein Zeitraum,
eine Zeitspanne als ein Zeitpunkt.
M: Hast du
eine Beinphobie?
K: Ich weiss
nicht, ob ich eine Beinphobie habe. Aber ich weiss, dass die Bilder
nicht fertiger wären, wenn Gesichter, Arme oder Beine sorgfältiger
ausgearbeitet wären. Es dreht sich hier mehr um die „Subversion“ der
Bilder, von denen ich anfänglich ausgehe.
M: Ich bin
sehr interessiert an der Idee des subversiven Verhaltens innerhalb eines
Kanons. Ich wünsche mir ein komplettes Bild, du lieferst mir absichtlich
ein unkomplettes. Auf diese Weise wird es zu einer Art Erzählung, mit
der ich mich auseinandersetzen muss. Durch die Auseinandersetzung mit
der Erzählung beginne ich mich für sie zu interessieren. Was ist nun
wirklich die Geschichte dahinter? Es handelt sich ganz offensichtlich um
einen formalen Ansatz, aber was motiviert diese formale Entscheidung
abgesehen von der Tatsache, dass daraus ein anderes Bild wird? Was
könntest du über die Gründe dieser formalen Entscheidungsfindung sagen?
K: Bislang
versuchte ich das Wort Komposition zu vermeiden, aber wenn man auf das
weisse Feld einer leeren Leinwand schaut und an die Anordnung der
Figuren denkt, dann muss man zwangsweise kompositionelle Fragen in
Betracht ziehen.
Andererseits spreche
ich hier natürlich ansatzweise über das Trauma des Körpers. Das hat auch
mit dem – nennen wir es brutalen – Gebrauch der Farbe zu tun und in
weiterer Folge mit der offenen rauhen Oberfläche, welche wiederum an das
nach außen gekehrte Fleisch erinnert.
M: Mich
erinnert es an amputierte Opfer von Landminen.
K: Das ist
eine mögliche Interpretation. Ich würde es nicht allein auf amputierte
Beine reduzieren. Die Unabgeschlossenheit verweist eher auf den offenen
Prozess.
M: Inwieweit
reflektiert ein Künstler die Umstände seiner Zeit? Inwiefern spiegeln
bewusst oder unbewusst konstruierte Bilder weitere Themenkreise wieder?
K: Die Bilder
und die Art wie sie konstruiert werden, verweisen zwangsläufig auf meine
eigene Zeit und meine direkte Umwelt. Prinzipiell bewegen wir uns hin zu
einer visuellen und weg von einer textuellen Kultur. Bilder dominieren
unsere Wahrnehmung und damit auch meine eigene.
Mich interessiert
dieses Phänomen zunehmend. Normalerweise wähle ich Bilder aus den
Medien, und wenn ich diese aus Politik, Mode und ähnlichem auslese,
beginne ich diese gleichsam nachzustellen. Die Malereien ergeben sich
in weiterer Folge aus diesen nachgestellten Situationen. Sehr oft sind
das Bilder, die wir alle kennen, diese in den Malereien jedoch nicht
gleich wiedererkennen, nachdem ich sie mit meinem eigenen Körper
nachahme. Das meine ich mit Subversion. Sie werden transformiert und
rekombiniert oder eben subvertiert durch die Art und Weise, wie sie
meine Wahrnehmung und Reflexion durchlaufen. Insofern kann ich mich
nicht vor einer zeitgenössischen Verankerung verschließen.
M: Wie würde
man diese Arbeiten ausserhalb einer Galerie rezipieren? Du machst ja
mitunter Performances oder andere eher experimentellere Werke, arbeitest
daher auch abseits eines Kunstmarktes und dessen Öffentlichkeit. Wo
liegt die Differenz zwischen Werken öffentlicher Kunst oder innerhalb
einer kommerziellen Galerie? Ich denke, zeitgenössische Galerien müssen
einen bestimmten Weg gehen, um auch am Markt bestehen zu können, und das
ist letzten Endes ein kommerzieller Zwang. Demnach würde ich behaupten,
dass gewisse Orte gewisse Werke hervorbringen.
K: Ich denke,
wenn man ein Projekt plant, muss man zuallererst ohnehin immer den
Kontext in Betracht ziehen. Das heisst natürlich keinesfalls, dass man
für ein bestimmtes Publikum eine bestimmte Arbeit produziert. Aber manch
eine Arbeit funktioniert ausgezeichnet im öffentlichen Raum, aber wäre
dennoch zum Scheitern verurteilt, würde sie in einem White Cube
dokumentiert werden, wenngleich so manch andere Arbeit nur ebendort
funktioniert.
Natürlich unterliegen
kommerzielle Galerien auch bestimmten Zwängen, die aber teilweise
verständlich sind. In ähnlicher Weise müssen ja auch Museen und
Institutionen Besucherzahlen halten, wollen sie in Zukunft Unterstützung
der öffentlichen Hand beziehen.
Ich denke
schließlich, dass es eine unumgängliche Bedingung für zeitgenössische
Kunst ist, dass es neben den Institutionen auch private Sammler gibt,
die sich für Kunst und Künstler interessieren. Die einzige Frage, die
sich mir stellt, ist: Wer ist schlauer, die Künstler oder der Markt? |