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Igor Zabel war Chefkurator des
 Museums Moderner Kunst (Moderna
 Galerija) in Ljubljana/Laibach,
 Slowenien, und Kunstkritiker. Zabel
 kuratierte zahlreiche internationale
 Ausstellungen und war 2003 einer
 der Kuratoren der Venedig Biennale.
 Igor Zabel starb viel zu früh im Jahr 2005.

 


 

 

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Gespräch Igor Zabel mit Clemens Krauss, 24. April 2004,
über die Arbeiten der Ausstellung Das Körperkörper-Problem,
anlässlich von Aktuelle Kunst in Graz 2004

  

Z: Der Titel der Ausstellung ist Das Körperkörper Problem. Können Sie uns etwas über diesen Titel sagen?

K: Der Ausdruck Das Körperkörper-Problem ist ein Zitat aus dem Buch von Arthur C. Danto mit dem gleichnamigen Titel und dem ebensolautenden Kapitel Das Körper/Körper-Problem. Zunächst war es eine rein banale Entscheidung, diesen Titel zu wählen, weil er mir einfach gefallen hat. Aber ich bin speziell an dieser Vorstellung des Dualismus von Körper und Geist - in Wirklichkeit ja ein sehr westliches Konzept -  interessiert, und so erschien mir dieser Titel als passend, wenn auch mein Zugang zu dieser Thematik ein anderer als der Dantos ist. Ich würde sagen, hinsichtlich meines Hintergrundes ist es ein eher naturwissenschaftlicher Zugang.
Jedenfalls sind Titel, wie auch für die einzelnen Arbeiten selbst, nicht allzu wichtig für mich.

Z: Also glauben Sie, dass das Konzept des Körpers und die Art wie der Körper konstruiert und auch dargestellt wird, ein essentieller Aspekt gegenwärtiger Gesellschaft ist?  

K: Das ist ein sehr wichtiger Punkt. Für mich ist es interessant zu sehen, was in der Gesellschaft passiert, was mit dem isolierten Körper passiert, der Figur in der anonymen Masse. Und es ist auch wichtig zu erwähnen, wie diese Arbeiten in Bezug auf diese Fragen dann tatsächlich entstehen.
Meine Arbeit beginnt mit dem Sammeln unterschiedlichster Quellen von Bildern, Texten, Notizen, Wahrnehmungen, Beobachtungen, Skizzen u.s.w. Dann hängt es von meiner Entscheidung ab, welche speziellen Momente ich aus dieser Informationsflut herauslese. Es geht ja in erster Linie auch um das Filtern aus der Flut von Bildern und Informationen.

Z: Wenn Sie all diese Materialien zusammenstellen, wie passiert da Ihre Selektion? Sammeln Sie das Material bereits mit einer speziellen Arbeitsvorstellung im Kopf oder sind es eher jene Dinge, die die Aufmerksamkeit finden, die Sie aus dem einen oder anderen Grunde interessant finden?

K: Was ich zunächst mache, ist was wahrscheinlich auch jeder andere macht: sehen. Meine spezielle Aufgabe ist dann die entsprechende Entscheidung zu treffen.
Am Beginn steht die eigene Beobachtung und der erste Teil der Arbeit ist es, diese speziellen Momente aus der erwähnten Information, den Bildern und Texten auszuwählen. Die Art wie ich es mache und was ich letzten Endes auswähle und wie ich es darstelle und präsentiere, bestimmt dann meine persönliche Schwerpunktlegung.
Auf den Pinwänden habe ich versucht - wenn auch, wie man sehen kann, auf eine etwas humorvolle Art - den Prozess meiner Malerei teilweise aufzuzeigen, wie sich meine Arbeiten entwickeln und ihre Struktur bekommen.
Und wenn ich jetzt zurückgehe zu dem, was Sie zuvor erwähnt haben über die Konstruktion des Körpers: meine Hauptinteressen liegen unter anderem darin, diese Situation des Körpers in einem gegenwärtigen Kontext zu visualisieren und in den Fragen, die durch die Bilder selbst aufkommen.
Wer sind die Menschen in den Bildern? Sie kennen sie nicht, ich kenne sie nicht. Wenn man sie kennen würde, würde man sie wahrscheinlich dennoch nicht erkennen. Aber soweit sind sie Identitäten ohne individuelle Identität, nur verwischte Momente. Ich versuche diese Situation lediglich Bild werden zu lassen, eine Situation, die vor allem auch eine sehr aktuelle ist. 

Z: Ich denke diese Malereiserie hier, Teil eines lansgamen Selbstportraits, scheint sich etwas von den anderen Arbeiten zu unterscheiden. Gibt es spezielle Gründe, warum Sie diese Serie gewählt haben? Wo ist die Verbindung zu den anderen Arbeiten und was hat es mit der unterschiedlichen Art des Materials auf sich?

K: Die Arbeit an der Serie Teil eines lansgamen Selbstportraits hat im Herbst 2002 begonnen. Ich hatte auch in Berlin im Sommer 2003 eine Ausstellung mit diesem Titel. In dieser Serie liegen die Wurzeln der jüngeren Bilder - jener aus der Serie Das Körperkörper-Problem. Der Hauptunterschied ist in erster Linie, dass ich damals ausschliesslich meinen eigenen Körper als Startpunkt genützt habe. Dabei habe ich Ausschnitte meines nackten Körpers gemalt und den Malereien dann siebgedruckte Leinwände, welche mehr oder weniger die Ebene meiner eigenen Wahrnehmungen und Beobachtungen repräsentiert haben, gegenübergestellt.
Diese Serie entstand innerhalb einer zugeordneten Periode. Deshalb beziehen sich viele Wahrnehmungsmomente auf diesen bestimmten Zeitabschnitt und auf das was mit mir und meinem Umfeld zu dieser Zeit passiert ist.
Und ich habe mich damals ebenfalls damit beschäftigt, worüber wir zuvor gesprochen haben: den Körper/Geist Dualismus. Mit diesem dualistischen Konzept habe ich mich natürlich auch gespielt: hier ist der Körper, da der Geist, hier ist die Wahrnehmung - der Intellekt - und da ist das Fleisch, der organische Körper als sexuelles, „ethnisiertes” und „genderisiertes” Moment. Hinsichtlich des Materials hat sich seitdem nicht allzu viel verändert.
Der Unterschied zwischen dieser Arbeit und den jüngeren ist vor allem, dass ich es jetzt auf einer einzigen Leinwand versuche, dass ich den Text und das Bild in einer Arbeit kombiniere und damit auch quasi diesen so genannten Dualismus innerhalb der Bilder überwinde.

Z: Ich denke, der malerische Aspekt ist von spezieller Wichtigkeit für Sie. Wie Sie zuvor auch erwähnt haben, arbeiten Sie mit diesen beiden Techniken. Sie gebrauchen Siebdruck für den Text und dann haben Sie diese Figuren, die in einer sehr malerischen Weise gestaltet sind, mit einem Haufen materieller Präsenz. Ist das wieder eine Referenz zu diesem Körper- und Geist-Problem?

K: Es ist ganz sicher so. Man könnte mich ja leicht fragen, warum ich Farbe überhaupt benütze. Warum male ich? Warum nicht eine andere Art von - sagen wir es - Illustration? So muss ich mich selbst fragen: was passiert innerhalb und mit der Farbe? Demnach ist es wichtig, die Farbe mit all ihrer fleischlichen, viszeralen Qualität, die sie ja offensichtlich hat, zu verwenden. In diesem Zusammenhang erscheint mir auch der strukturierte, pastose Farbauftrag als konsequenter Gebrauch der Farbe.
Ich habe ja auch mit Fotografie gearbeitet, sogar innerhalb derselben Thematik, aber da hatte die unterschiedliche Technik naturgemäss sofort eine völlig andere Bedeutung. Und wenn ich singen könnte, würde ich einfach singen. Aber da ich immer noch eher Maler bin, benütze ich lieber die Farbe.

Z: Ich möchte noch meine Gedanken schildern, als ich diese Bilder sah, speziell mit dem Titel Das Körperkörper-Problem im Kopf. Ich sehe immer diese Gruppen von Menschen und in einem gewissen Sinne sind diese Gruppen von Menschen bereits das Körperkörper-Problem. Es sind Körper in bestimmten Situationen. Aber diese speziellen Situationen sind nicht zufällig, sie sind irgendwie organisiert. Die Art, wie sie arrangiert sind, könnte man vielleicht als soziales Muster bezeichnen - auch als Muster von Macht.
Eine andere Sache ist zur gleichen Zeit natürlich die Situation des Betrachters. Wenn man die Bilder beobachtet, kann mal einerseits eine gewisse Nähe hinsichtlich der Präsenz der Farbe empfinden, aber gleichzeitig auch eine Distanz, da sie in einer bestimmten Art dem Blick entweichen. Man kann sie nicht erkennen, zumindest nicht auf den ersten Blick, nur aus einem gewissen Abstand.

K: Diese Momente augenscheinlicher Unterschiede in Bezug auf Nähe oder Distanz sind den Malereien immanent und ich glaube auch offensichtlich im Zusammenhang mit der Art, wie sie texturiert sind.
Natürlich bin ich nicht nur an der Figur als solcher interessiert, sondern insbesondere auch an den Zwischenverbindungen innerhalb dieser isolierten Figuren. Menschliche Wesen sind nun mal mehr als biologische Maschinen, eben denkend und emotional.
Was passiert mit uns in Gesellschaft? Es gibt Senden und Empfangen, es gibt Sexualität, es gibt eine Vielzahl von Beziehungen.
Auch wenn man nicht weiss, wer innerhalb der Bilder speziell kommuniziert, spürt man den Effekt, die Konversation, die Spannung. Das ist ja genau, was auch in der so genannten Wirklichkeit passiert.

Z: Was können Sie uns über den Text und die Kombination von Text und Bild auf den Leinwänden sagen?

K: Die Quellen der Texte sind natürlich wichtig und wie diese Texte als formale Elemente auf der Leinwand funktionieren. Es handelt sich dabei um fragmentierte Ausschnitte meiner Sammlung, aus meinem Archiv, welches sich auf den Themenkreis bezieht, den wir vorher besprochen haben: das Verhältnis des biologischen menschlichen Körpers zu all seinen ihn umgebenden Körpern. Aber ich bin kein Erzähler, und es ist auch ganz bestimmt nicht didaktisch gemeint.
Wie die Texte auf der Leinwand schlussendlich erscheinen und welchen Text ich dann tatsächlich auswähle ist immer noch eine ästhetisches Überlegung. Da der Text zum Teil des Bildes wird, berücksichtige ich auch - sagen wir es so - den Style des Textes, die Schriftart, die Größe, die Laufweite und die jeweilige Farbe. Zum Beispiel weiss auf weiss - so wie der gedruckte Text auf den meisten Leinwänden erscheint - ist bereits fast nichts. Speziell in den allerjüngsten Bildern wird der Text mehr und mehr ausgeblendet. Man kann den Text lesen, oder auch nicht. Diese Entscheidung oder eben Nicht-Entscheidung bleibt dem Betrachter überlassen.
   
(c) the author and Clemens Krauss