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Julia Höner
Das Gesicht ist Politik
Zu einigen Arbeiten von Clemens Krauss
Wenn die Filmanalyse von der „Amerikanischen“ spricht, so ist damit eine
Kameraeinstellung gemeint, in der die Darsteller bis unterhalb der Hüfte
zu sehen sind: Abgleitet vom Western, dem mächtigen Genre aus der
Frühzeit des US-amerikanischen Films, zeigt die „Amerikanische“ gerade
genug, um verfolgen zu können, wie der Cowboy den Colt aus dem Halfter
zieht.
In seiner Bildreihe „Das Körperkörper-Problem“ überträgt Clemens
Krauss diese Qualität des filmischen Ausschnitts in die Malerei. Er
selbst steht Modell für seine Arbeiten, in denen er verschiedene
menschliche Gesten vorführt. Es sind zumeist politisch motivierte
Gesten, Bilder von Menschen aus den weltweiten Krisengebieten, die der
Künstler nachstellt. Die Vorlagen für die unterschiedlichen Körperposen
entlehnt Krauss der Vielfalt an global zirkulierenden Medienbildern. Das
wirkt in den Arbeiten nach und daher begegnen wir ihnen zunächst mit
einem Blick, der von unserer Seherfahrung im Zusammenhang mit den
Massenmedien geprägt ist und die Oberfläche nach den Spuren bildhaften
Erzählens oder einer inhaltlichen Dramaturgie abscannt. Doch eine Story
liefern Krauss Arbeiten nicht. Sie beschäftigen sich eher mit der
Abbildmöglichkeit des Bildes und bewegen sich dazu in einem
Zwischenbereich, in dem sie die nachbildende Funktion der Massenmedien
wiederholen, aber gleichzeitig darauf bedacht sind, Repräsentation zu
vermeiden.
Auf der Leinwand schichtet Krauss kleinere und größere Darstellungen von
Personen in T-Shirt und Hose, der Einheitskleidung einer globalen
Jugend. Die pastos aufgetragene Ölfarbe mit ihrem
organisch-fleischlichen Charakter erzeugt Volumina und Massen, die aus
der Leinwand hervortreten und den dargestellten Figuren materielle
Substanz verleihen. Nicht jedoch im Sinne einer vollplastischen, die
äußere Wirklichkeit repräsentierenden Körperlichkeit, wie sie die
abendländische Kunst Jahrhunderte lang den Techniken der Malerei zu
entlocken suchte. Leiblich-sinnlich sind eher die Farbcluster selbst,
die aus kurzen Pinselstrichen bestehen und irgendwie unentschieden
zwischen Formwerdung und Beharren auf ihrer Materialeigenschaft auf der
Bildfläche stehen. Auf diese Weise schafft es Krauss, den Blick auf den
Prozess der Bildwerdung zu lenken und den menschlichen Körper als
Resultat einer formalen Setzung und einer Qualität des Mediums Farbe
erscheinen zu lassen. Dass der Körper in den Bildern nicht nur Produkt
formaler Entscheidungen ist, sondern Krauss auch auf die Bedeutung des
Körpers als politisches Konstrukt anspielt, zeigt sich am stärksten an
den Gesichtern der Figuren, die nichts zu erkennen geben.
Für Gilles Deleuze und Felix Guattari ist das Gesicht keine, der
Menschheit in toto zukommende natürliche Gegebenheit, sondern muss als
kulturelles Phänomen begriffen werden, in dem sich klerikale Macht
genauso wie die umfassende Politisierung des Lebens spiegeln. Die
Unterwerfung des Subjekts unter die Ordnung einer Gemeinschaft beginnt
Deleuze / Guattari zur Folge mit der christlichen Zeitrechnung, in der
das ‚wahre Gesicht Gottes’ Leitbild und Maßstab aller Gesichtlichkeit
ist. In der Folge wird das Gesicht von ‚Jesus Christus Superstar’ im
Gesicht des weißen Durchschnittseuropäers bestätigt. Im Verfahren der
sozialen In- und Exklusion können so, verkürzt gesagt, Norm und
Abweichung und mithin auch Kriterien für staatstragende Subjekte
bestimmt werden. Nur durch die Deterritorialiserung des Gesichts, die es
einer klaren Benennbarkeit entzieht, kann sich, gemäß Deuleuze /
Guattari das Subjekt aus der sozialen Kontrolle befreien.
Wenn Clemens Krauss die Malerei als Mittel der kathartischen Erlösung
seiner Bildfiguren nutzt – eine Befreiung via Sinnentzug, in der das
Subjekt aus den Fesseln der Repräsentation von gesellschaftlichen
Ordnungssystemen gelöst wird – so ist darin auch gleichzeitig eine
Reflexion auf das künstlerische Medium selbst integriert: Die Malerei
macht aus politischen Bilddokumentationen konsumgerechte Bildhäppchen,
in denen Demonstranten wie Sportfans aussehen. Die Bilder der Medien,
die im Gewand des Authentischen daherkommen, aber niemals mit der
Wirklichkeit identisch sein können, werden durch Krauss nochmals
überzeichnet und buchstäblich verzerrt.
Indem sich in den Arbeiten ein abstrakter, durch Printmedien oder
Fernsehen vermittelter Körper mit dem Bild überlagert, welches Krauss
von seinem eigenen Körper zeichnet, wird dieser nicht nur als eine Art
offener Pool von Möglichkeiten vorgestellt. Vielmehr geht mit dem
hybriden Konstrukt auch eine grundlegende Idee der Subjektkonstitution
einher, in der sich Selbst- und Fremdbild überlagern: Das ich, welches
ich male, ist nicht identisch mit jenem, das malt, auch wenn es jenes
zur Abbildungen bringen möchte.
Diese Auffassung vom Körper als einem semantischen Feld, in dem sich
verschiedene Bedeutungen überlagern, findet sich in Krauss’ Bildern
nicht zufällig wieder, ist der Künstler doch auch studierter Mediziner,
der den menschlichen Körper nicht nur als symbolische Ordnung sondern
als physisch realen Organismus kennt.
In der Entwicklung seiner Bildsprache wandern die Figuren von der
Leinwand auf die Wand des Ausstellungsraums, um schließlich vom Künstler
in den neueren Arbeiten, aus der Leinwand herausgeschnitten, in großen
Glasvitrinen präsentiert zu werden. In dieser Entwicklung zeigt sich ein
unorthodoxer Umgang mit den Trägermaterialien. Denn das malerische
Konzept ist übertragbar und kann sich immer wieder neu in
unterschiedlichsten Kontexten wiederfinden.
Die Vitrine als Instrument wissenschaftlicher Ordnung, als
Displaymethode und intimer Rahmen für die Kunst, betritt mit ihrem
eigenen symbolischen Ballast den Kraussschen Kunstkosmos. Auffällig ist
jedoch vor allem, auf welche Weise die Figuren an Stofflichkeit
gewinnen, wenn sie in die Vitrinen gelegt und buchstäblich zu Grabe
getragen werden. Was vormals dem Kanon des Tafelbildes gehorchte und mit
dem bürgerlichen Vorstellungen von Kunst kokettierte, liegt jetzt
irgendwie unschön zerschnitten und hermetisch abgeriegelt im gläsernen
Mausoleum. Die Vitrine, der gläsernen Speicher, der das künstlerische
Material archiviert und der Aktualität entzieht aber gleichzeitig auch
seine Reaktivierung ermöglicht, schafft Platz für neue chirurgische
Eingriffe auf der Leinwand.
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