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Auf den Leib gerückt

Makrographien von Clemens Krauss in der Galerie PIN

von Tania Kemmer in der Neuen Westfälischen Zeitung, 14. November 2002

Bielefeld. „Nichts ist vertrauter als der eigene Körper, gleichzeitig kann man kaum woanders bei eingehender Betrachtungsweise – bis zum Durchbrechen körperlicher Barrieren – mehr Neues entdecken.“ Clemens Krauss, Maler und Performer, der in Wien und Berlin lebt, bezeichnet den eigenen Körper als „zentrales Erfahrungsmoment“, das er zum Objekt und Fundus der künstlerischen Auseinandersetzung macht.

In unmittelbarer Konfrontation sieht sich der Besucher den kleinformatigen, in Gruppen zusammengestellten Gemälden in der Galerie PIN gegenüber, deren Wirkung insbesondere von dem äußerst pastosen und haptischen Farbauftrag ausgeht. Gemalte Fragmente nackter Körperlichkeit – Körperdetails des Künstlers – entfalten sich materiell und greifbar auf den Leinwänden, deren reduzierte Größe der Dominanz der Malerei und des jeweiligen Motivs nichts anhaben kann.
„Makrographien“ nennt Krauss, der in Graz , Wien und Berlin Malerei und Grafik studiert hat, seine Arbeiten. Ein Begriff, der sich nicht nur auf die Gemälde, sondern auch auf Zeichnungen und Radierungen bezieht: Diese individuelle Begriffsschöpfung bedeutet in Krauss´ Definition die „Großdarstellung“ von Teilen oder Fragmenten des Körpers aber auch anderer motivischer Sujets sowie von Worten und Texten, die in den Räumen der Galerie den Körperdarstellungen zugeordnet sind.

Der Blick aufs Detail erweitert das Seherlebnis

Als malerisch akzentuierter Teil eines Ganzen erfährt das Motiv eine besondere Aufmerksamkeit. Je nach Erkennbarkeit entfaltet das Detail ein höheres Maß an Assoziationsmöglichkeiten, erweitert also in der Reduktion das Seh- und Sinnerlebnis.
Speziell die malerischen Arbeiten rücken in ihrer durch unterlegtes Silikon betonten Materialität unmittelbar „auf den Leib“, vermitteln eine Intimität, der sich kaum zu entziehen ist – Entblößung oder eher analytisches Sezieren des eigenen Körpers? „Ich zeige vielleicht zu viel, aber nicht alles“, so Krauss, der die malerischen Facetten seiner selbst als „langsame Form des Selbstporträts“ bezeichnet.
Dem Prinzip der Unmittelbarkeit und Intimität folgt auch die Performance: Clemens Krauss, zusätzlich promovierter Mediziner und Biologe, entnimmt sich bei der Eröffnung der Ausstellung unter wechselndem Mienenspiel der Besucher Blut, das dann, einzeln abgefüllt, als eine Art „Multiple“ oder „Künstleredition“ zum Verkauf steht.
Mit dem Kauf und der Signatur des Künstlers erwirbt der Käufer gleichzeitig die „Verwertungsrechte“ an Krauss´ genetischem Material – ein provokativer und brisanter künstlerischer Beitrag zum heutigen „Bild“ des Menschen und seiner mittlerweile womöglich zweifelhaft gewordenen Einzigartigkeit, im selben Maße aber auch eine konsequente und nachvollziehbare Erweiterung der präsentierten Arbeiten.

 

(c) Clemens Krauss