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Marina Grzinic
ENGLISH VERSION
Forscherin am Institut für Philosophie, Ljubljana
Professorin an der Akademie der Bildenden Künste, Wien
Räume überdenken
Der folgende Text entstand aus einem Gespräch über Räume und Leeren (Voids),
welches ich mit Clemens Krauss in Graz als Teil der Künstlergespräche in
ausgewählten Galerien innerhalb des Projektes Aktuelle Kunst in Graz im
Jänner 2003 geführt habe.
Ich sprach mit Krauss während er an seinem Projekt toponymics im Rahmen von
Graz 2003 – Kulturhauptstadt Europas arbeitete. Sein Projekt beschäftigt
sich mit dem Vorgang einer möglichen Umbenennung des Hauptplatzes der Stadt
Graz, welcher auch den Namen „Hauptplatz“ trägt, was wörtlich genommen eben
Haupt-Platz heißt.
Die stattgefundenen Auseinandersetzung zeigt symptomatisch, dass etwas, was
in so einem Maße mit der Vergangenheit verbunden ist – der „Hauptplatz“
trug den Namen Adolf Hitlers während Österreichs NS-Zeit – heute einen
denkbar vereinfachten bzw. allgemeinen Namen hat: „Hauptplatz“.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Platz „bereinigend“ rückbenannt, was
auch als ein Prozess von Produktion von Leere bzw. einer Amnesie
hinsichtlich der historischen Behandlung eines solchen Platzes gesehen
werden kann.
Diese Abstraktion ist ein Prozess des Schaffens von Leeren (Voids)
innerhalb von Raum und Zeit, es ist ein Prozess des Aufräumens von
Erinnerung und der Auflösung der Geschichte.
Wie es in einem Vortrag von Marjetica Potrc, Architektin und Bildhauerin
aus Laibach, in ihrer Einzelausstellung in der Galerie Skuc, Laibach,
erwähnt wurde, ist es möglich, in den alten historischen Stadtzentren (in
Laibach ebenso wie in Münster, Wien, München und Graz) so genannte leere
Zonen oder Voids zu entdecken - komplexe Strukturen leerer Häuser oder
Gebiete in der Stadt ohne der historisch identifizierten Vergangenheit;
einer Vergangenheit, die Teil der kartographischen Lage ist.
Dies ist auch beim Namen des Hauptplatzes in Graz der Fall. Es ist ein
Name, der im Prozess seiner Benennung eine erstaunliche Leere bloßlegt. Der
Name des Hauptplatzes in Graz ist eine Wiederholung eines allgemeinen
Namens, wie jener vieler Plätze irgendwo sonst auf der Welt. Indem der Name
nur eine gebräuchliche innerstädtische Beschreibung solch eines zentralen
Platzes wiederholt, ist er ein Name ohne Namen.
Mit solch einer Wiederholung bekommen wir eine Bedeutung zuviel. Aber es
ist auch bekannt, dass in den meisten Fällen in der überflüssigen Bedeutung
– der tautologischen Wiederholung – eine Art von Verbergen einer Bedeutung
steckt. Die überflüssige Bedeutung beabsichtigt, dass es keine Bedeutung
oder dass es zu viel Bedeutung in Verbindung mit einem gewissen Ort gibt,
welche demnach verborgen werden muss. Die Wahrheit des Hauptplatzes in Graz
ist, dass dieser Hauptplatz in der Vergangenheit mit Hitlers
Nazi-„Besetzung“ Österreichs selbst verbunden war. Hinter diesem Platz,
welcher heute mit einer leeren Benennung seiner historischen Vergangenheit
zu entkommen versucht, liegt eine traumatische Wahrheit; statt eines Namens
trägt er eine gewisse Leere in sich, die Abstraktion einer bedeutungsvollen
Bedeutung...
Der Name eines einfachen „Hauptplatzes“ ist demnach ein Vorgang einer
gewissen architektonisch – urbanen Bereinigung; dies ist das Anzeichen
einer äußerst gepflegten historischen und (interkulturellen) geographischen
Amnesie. Dieser Vorgang lässt Dinge, Plätze, Tatsachen und Strukturen
vergessen.
In den Städten, speziell in den so genannten historischen Städten des alten
humanistischen Europa, werden diese Zonen, diese Voids, nicht nur erzeugt
und verursacht, sondern auch sehr geschickt von den Stadtregierungen
verborgen. Benennen ist der Vorgang des Verbergens! Die leeren Zonen – ich
nenne sie nicht-aktuelle Stadt-Plätze oder Voids – sind nicht in den
offiziellen Stadtplänen ausmachbar (sie sind nicht-zu-ortende Orte); wenn
sie es sind, sind sie so verallgemeinert worden, dass sie in einer
unsichtbaren Form existieren, jedoch entfernt aus den historischen
Stadtplänen und dem Gedächtnis der Stadt . Die Stadtverwaltung ist beschämt
und zur gleichen Zeit erschrocken von diesen Öden und ihrer Bedeutung einer
gegenwärtig formlosen Form der Stadt.
Krauss fragte, ob ich den Hauptplatz selbst als nicht-zu-ortenden Ort
bezeichnen würde, oder nur den leeren Namen als Leere (Void).
Meine Antwort ist beides. Nicht-Ortung ist die Negation der Ortung; es ist
eine Ortung die nicht im historischen Kontext begründet ist und die mit dem
Vorgang der leeren Benennung die Konfrontation mit der Vergangenheit
vermeidet. Diese Nicht-Ortung ist der Vorgang von Produktion einer gewissen
Leere (Void), welche in Wirklichkeit voller historischer und sozialer
(traumatischer) Bedeutung ist.
Der gleiche, jedoch anders herum verlaufende Prozess vollzieht sich in der
so genannten Dritten Welt, in Südamerika, Afrika u.s.w. Die Favelas in
Lateinamerika, zum Beispiel in Brasilien, zeigen wild wuchernde Zonen der
Stadtumgebung ohne formale Strukturen oder irgendeiner Form der
Infrastruktur, zugleich aber bewirken und erzeugen jene Favelas, mit ihrer
fast barocken Neigung zu Schmutz und wild organisiertem Dasein, eine
Bedeutung für das wirkliche Leben.
Ähnlich den Vorgängen der Metastasierung bei Krebs laufen die Vorgänge der
Vermehrung von Favelas in unkontrollierter Form im Raum ab, verbunden mit
deregulierten Infrastrukturen oder Nicht-Strukturen; sie sind die neuen
Zonen von Bedeutung, Irrtum, Überlebenskampf und Entropie.
So können wir auch im Fall des Projektes einer Wieder-Benennung des
„Hauptplatzes“ in Graz einen Prozess ausmachen, der viel mit dem
Wieder-Ausfindigmachen und Wieder-Artikulieren der Voids im
innerstädtischen Raum zu tun hat.
Laut Mary Jane Jacob, einer amerikanischen Kritikerin und Theoretikerin,
die in den 90er Jahren eine umfassende Studie über public art in Chicago –
speziell über die Sculpture Chicago Organization und ihr letztes Projekt
Culture in Action - verfasst hat, kann ich behaupten, dass sich das neue
urbane Denkmal innerhalb des Stadtkontextes verändert hat und zunehmend das
Bild einer Bewegung annimmt. Es ist von der passiven Ordnung der Gebäude
der öffentlichen Umgebung zu einem Prozess des Lebens durch Produzieren
(oder Wieder-Benennen) geworden, was – nach Mary Jane Jacob – als Kultur in
Aktion bezeichnet werden kann.
Der erwähnte Prozess schafft keine ewigen Bauten (in der Ewigen Stadt),
sondern Bewegungen und Umgebungen und – was am wichtigsten ist – die
Wieder-Erklärung und Wieder-Bestimmung der Kategorie der Öffentlichkeit,
der Vertreter, der Schauspieler, der Überlebenden.
Der italienische Philosoph Mario Perniola spricht von Gleichzeitigkeit und
Übergang im Raum, wo jene Projekte nicht hierarchisch und zeitlich
angeordnet und abgeschlossen sind. Wir bewegen uns sogar mehr vom
physischen zum mental strukturierten Raum und finden uns dann wie in einem
Moebiusband in der traumatisch wirklichen, sozio-politischen urbanen
Gesellschaft wieder.

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